Leseprobe zu The Song of Shadows

Für diejenigen, die an die Liebe glauben, ganz egal in welcher Form.

Diese Geschichte ist für euch. 

Das Lied der Schatten

Calaley eswirun meiradâ.
Merîas elodi.
Neldô selerê Nijalî.
Mei Kardîa everendir belaris noctis.
 
Es ist das Wispern der Ewigkeit.
Eine Melodie, die dich davonträgt.
Dich als Freund begleitet.

Mein Herz gehört für immer der Nacht. 


Prolog

 Die Balance allen Lebens ist das Gleichgewicht von Licht und Schatten. Seit Jahrhunderten weben sie ein Band aus hell und dunkel. Aus ihrem tiefsten Seelenkern wuchsen einst zwei Welten: Agrija und Andtherâ. 
Das Land der Lucid und der Merakî. Beide Völker wussten um die Wichtigkeit ihrer Verbindung und bewahrten sie in einem ewigen Kreislauf allen Seins. 
Handelsallianzen sorgten für gedeihende Reiche und im stetigen Fluss der Zeit regierte abwechselnd ein Paar der Lichtgeborenen und eines des Schattenvolkes das gemeinsame Herz ihrer Kontinente: Barash, die Stadt der Harmonie. Getaucht in ein vollkommenes goldenes Leuchten und ein bezauberndes schwarzes Spiel der Dunkelheit. Ohneeinander waren sie dazu verdammt, sich selbst zu verlieren. Die Lucid brauchten die Schatten, um ihre wärmende Energie zu kontrollieren, während die Merakî das Licht nutzten, um Leben zu bewahren und Neues zu erschaffen. Doch was einst perfekt war, sollte zerbrechen ...
 
Die Liebe zwischen hell und dunkel stürzte beide Welten ins Unglück. Als der junge Lucid König Nevân sein Herz an eine Merakî verschenkte, wich das Leuchten aus Barash. Ihm folgte wenig später die Dunkelheit. Das Antlitz der Seele beider Völker erbleichte, verlor sich in einem endlosen Traum aus reinstem Weiß. Und während die Schatten vergingen, fiel dem Licht die Aufgabe zu, das Unheil von der einzigen Prinzessin fernzuhalten, die weder den Lucid noch den Merkaî zugehörig war. Ein Herz in makellosem Gleichgewicht, ohne jemals eine Wahl treffen zu dürfen. Ohne jemals zu lieben. Eine Bürde, damit die verlorene Harmonie Argijas und Andtherâs ihren Takt wiedererlangte. 


Kapitel 1 - Alamea

 Barash. 
Weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier lag meine Heimatstadt zu meinen Füßen. Durchzogen von Oasen aus Grün und Gold. Doch wenn man genau hinsah, konnte man die Spuren der Geschichte erkennen, die sie erlebt hatte. 
Die Schattensonne wanderte träge über den Himmel und weckte nach und nach die Bewohner der Königsstadt. Der Schattentag begann und die Lichtnacht endete. Der stete Wechsel der Himmelskörper hatte in vergangenen Zeiten die Harmonie von Schatten und Licht offenbart. Wenn eines schlief, wachte das andere. 
Heute erklangen singende goldene Windspiele im dämmernden Morgen, und das leise Wispern der wenigen rauchgrauen Schattenlaternen erzählte bei Einbruch der Dunkelheit von einer Zeit des Gleichgewichts. Einer Zeit vor meiner Geburt. 
»So in Gedanken versunken, Hoheit?« 
Lächelnd wandte ich mich um. »Elio. Du bist zurück.« 
Ergeben zuckte mein Leibwächter und ältester Freund mit den Schultern. Der goldene Brokatstoff seiner Jacke verrutschte dabei leicht, was er sofort korrigierte. »Ich habe doch versprochen, mich zu beeilen.« 
Er zog mich in eine sanfte Umarmung, und sein Duft hüllte mich in eine Wolke liebevoller Erinnerungen. Immer wenn er seinen Vater in Argija besuchte, verstärkte sich die belebende Zitrusnote so sehr, dass ich die minzigen Holztöne nur noch wahrnahm, weil ich sie so gut kannte. 
»Wie geht es deinem Vater? Wie war es in der Goldenen Stadt?« 
Elio lachte und schob mich auf Armeslänge von sich. Sorge legte seine Stirn in Falten, während er mich musterte, als erwarte er, Verletzungen vorzufinden. »Zuerst verrätst du mir, ob es dir gut geht.« 
Ich legte eine Hand an seine Wange, um ihn zu beruhigen. »Es geht mir gut.« Für einen weiteren Moment ruhte sein prüfender Blick auf mir, bevor die Anspannung aus seinen Schultern wich. 
»Ich habe etwas für dich.« Das Licht seiner saphirblauen Augen funkelte verschwörerisch, und er griff in die versteckte Innentasche seiner Jacke. Erst jetzt fiel mir auf, wie viel heller seine Iriden strahlten. Noch eine Veränderung, die er aus Argija mitgebracht hatte. 
Er hielt mir seine Hand entgegen, an der eine zarte Kette hing. Ich erkannte das filigrane Medaillon aus weißem und schwarzem Marmor sofort. Goldfäden umrahmten die Steinsplitter, gaben ihnen Halt und formten ein florales Muster. 
»Du hast es reparieren lassen.« Vorsichtig, als könnte eine zu schnelle Bewegung das Schmuckstück erneut zerstören, legte ich meine Finger um den Anhänger. 
Die Kette war vor wenigen Tagen gerissen, als Zanoosh sich beim Spielen darin verhakt hatte. Es war der längste Zeitraum, seit ich denken konnte, den ich ohne das vertraute Gewicht an meinem Hals verbracht hatte. Ohne das Symbol der Harmonie, das meine Farbe miteinschloss. Einem von zweien, die es gab. Das andere lag in Form eines geflochtenen Armbandes um Elios Handgelenk. Schwarz und Gold, verwoben in Einklang und verbunden durch eine weiße Perle. 
»Natürlich.« Wehmut trübte seine Stimme, die für gewöhnlich klang wie Sonnenstrahlen auf kristallklarem Wasser. Wärmend, ruhig und sanft. Für einen Moment schienen seine Gedanken an einen weit entfernten Ort zu wandern, während er sein Armband betrachtete, dessen goldene Fäden sanft glänzten. Blinzelnd riss er seinen Blick los und sah mich an. »Darf ich?« 
Ich nickte und drehte mich um. Mit einer Hand fasste ich die weißen Strähnen meines Haares zusammen, damit er die Kette in meinem Nacken schließen konnte. Das Medaillon kam auf meinem Brustbein zur Ruhe, und ich strich einmal mit den Fingern darüber. Als würde ich es willkommen heißen. 
»Jetzt erzähl mir von deiner Reise. Ich will alles wissen.« Ich fasste nach seiner Hand und zog ihn zu der gepolsterten Sitznische am Fenster. 
Elio schenkte mir dieses spezielle Lächeln, das nur für mich zu sein schien. Es erhellte seine Züge, ließ sie weich werden und strahlte absolute Herzenswärme aus. »Du bist ganz schön neugierig.« 
»Kannst du es mir verübeln? Alles, was ich den ganzen Tag sehe, sind weiße Wände, weiße Häuser und ...« Ich vollführte eine ausschweifende Bewegung mit beiden Armen, die deutlich machte, dass ich nicht nur über mein Zimmer sprach und deutete schließlich auf mich. »Weiße Kleidung.« 
Er schüttelte den Kopf und legte einen Arm um meine Schulter. »Es tut mir leid. Ich würde dich so gerne einmal mitnehmen. Die Goldene Stadt würde dir gefallen.« 
Ich zog die Beine an, obwohl ich wusste, dass der zarte Stoff meines Kleides dadurch knittern würde und schwieg. Es war nicht nötig, etwas dazu zu sagen. Wir gaben uns diesen kurzen Augenblick – einen Moment des Schweigens für mein Leben in einem farblosen Käfig, bevor Elio weitersprach. 
»Mein Vater lässt dich grüßen. Er wird, sobald er kann, nach Barash kommen und uns besuchen. Er hat viel zu tun ...« Für einen kurzen Moment stockte er, als wollte er etwas hinzufügen, was er nicht wagte auszusprechen. »Ansonsten geht es ihm gut.« 
»Was hast du unternommen in den drei Schattentagen deines Besuchs?« 
»Ich war viel in den Hängenden Gärten und habe gelesen. Ich wünschte, ich könnte sie dir zeigen. Oder wenigstens so gut zeichnen, dass ich dir Bilder davon mitbringen könnte. Sie sind so anders als der Rest von Argija. Als würde man in eine fremde Welt eintauchen. Das Farbenspiel von Gold zwischen unzähligen Facetten Grün ist einzigartig.« 
Gespannt lauschte ich jedem seiner Worte. Sog alles in mich auf, was ich konnte. Auch wenn Elio nicht für mich zeichnen konnte, so war er doch meine Augen außerhalb dieser Mauern. Wussten wir schließlich beide, dass ich die Goldene Stadt niemals besuchen würde, geschweige denn Andtherâ. Auf die Heimat der Merakî, den Geburtsort meiner Mutter, würde ich mein ganzes Leben verzichten müssen. 
»Warst du in dem Gebäckladen?« Er hatte mir nach seinem letzten Besuch in Argija von dem kleinen Geschäft erzählt. Es gehörte einer älteren Lucid, die Elio offenbar sofort als eine Art Enkel ansah und ihn zu regelmäßigen Besuchen verpflichtet hatte. 
»Natürlich. Sieht man das nicht?« Demonstrativ strich er sich über den Bauch und brachte mich zum Lachen. 
Ein vertrautes, fiepsiges Bellen unterbrach uns, und kaum einen Wimpernschlag später saß ein leuchtender Fellball auf Elios Schoß. 
»Na, kleiner Freund, hast du gut auf Alamea geachtet, während ich weg war?« 
Zanoosh gab ein schnurrendes Geräusch von sich und schmiegte sich an Elios Brust. Kaum berührten dessen Finger das sandfarbene Fell des Zerda, flackerten goldene Lichtströme über den kleinen Körper. Sie begannen an den großen Ohren und zogen sich schließlich in Spiralen bis zur Schwanzspitze. Die Sandfüchse waren für gewöhnlich in den Lichtlanden beheimatet und daher mit der Energie der Lucid verbunden. 
Erst jetzt bemerkte ich das schattenumwölkte Schwarz, das zwischen seinen spitzen Zähnen hervorlugte. 
»Was hast du da, Zanoosh?« 
Seine Ohren zuckten freudig, während er vorsichtig den kleinen Gegenstand aus seinem Maul auf meinen Schoß fallen ließ. 
»Warst du wieder plündern?«, fragte Elio mit einem Augenzwinkern. Er kraulte den Kopf des Zerda, der auf seine Worte hin stolz die pelzige Brust reckte. 
Wir wussten, dass der kleine Fuchs nichts stahl. Alles, was er mir von seinen Streifzügen durch Barash mitbrachte, holte er aus verwaisten Häusern. Häusern, in denen einst Merakî lebten. 
Ein Räuspern an der Tür ließ uns herumfahren. »Prinzessin Alamea, der König möchte euch sehen.« 
Hastig faltete ich die Hände und ließ Zanooshs Geschenk zwischen den strahlend weißen Lagen meines Rockes verschwinden, in der Hoffnung, sie würden das Schwarz verbergen können. 
»Ihr könnt gehen. Ich geleite die Prinzessin.« Elio reagierte ebenso schnell. Er setzte Zanoosh behutsam auf dem Boden ab und stand auf. Versperrte dem ungebetenen Gast die Sicht auf mich. Seine Ausstrahlung hatte sich innerhalb eines Wimpernschlags gewandelt. Vor mir stand nicht mehr mein Freund, jetzt war er mein Leibwächter. Die Wärme war aus seinen Augen gewichen und hatte einer kühlen Distanz Platz gemacht. Seine Haltung war gerade, das Kinn erhoben. Einzig die goldenen Sommersprossen auf seinen Wangen fingen die Strahlen der Sonne ein und ließen das Licht tanzen, als wollten sie mir versichern, dass mein einziger Vertrauter auf dieser Welt noch immer bei mir war. 
Ich erhob mich ebenfalls. Darauf bedacht, den kleinen glatten Gegenstand verborgen zu halten. 
Der Berater meines Vaters neigte den Oberkörper weit genug, um mich nicht zu beleidigen, jedoch nicht weit genug, um mir den gebührenden Respekt zu erweisen. Das Gold seines Fracks glänzte, als wollte es mich verhöhnen. Die farblose Tochter des Lucid-Königs. 
»Das war knapp.« Elio stieß ein lautloses Seufzen aus und drehte sich zu mir um. »Soll ich das nehmen?« 
Er deutete auf meine Hände, die sich fester als nötig in den zarten Stoff meines Kleides krallten. »Bringst du es in den Pavillon?« 
Ein sanftes Lächeln glitt über sein Gesicht. »Natürlich.« 
Ich nickte und erlaubte mir endlich einen genaueren Blick auf Zanooshs Beute. Es war ein Obsidian, unter dessen Oberfläche eine blaue Blüte eingeschlossen war. 
»Was ist das?«, wisperte ich. 
Elio beugte sich zu mir. »Ich glaube, ich habe so eine schon einmal in einem Buch gesehen. Die Merakî nennen sie Khoeli. Wenn ich mich richtig erinnere, schenkt man sie der Person, die man liebt. Angeblich bringt der Lichtmond sie zum Leuchten, solange die Liebe besteht.« 
Fasziniert betrachtete ich die konservierte Blüte. Die filigranen Blätter schimmerten in einem hellen Himmelblau vor dem mitternachtsschwarzen Stein, der sie bewahrte. Ich stellte mir vor, wie sie wohl im Schein des Lichtmondes aussehen würde und ob diese hier noch unter der Liebe ihres Besitzers erstrahlte. Der Anblick berührte etwas in mir, das ich weder greifen noch benennen konnte. 
»Wir sollten gehen, bevor der Nächste kommt, um dich zu holen.« Elio streckte mir seine Hand entgegen, und seine Augenbrauen zogen sich entschuldigend zusammen. 
Ich schüttelte das Gefühl einer verlorenen Erinnerung ab und nickte. Dennoch zögerten meine Finger einen Moment, ehe sie den Stein freigaben und Elio ihn in die Innentasche seiner Jacke gleiten ließ. 
»Bereit?« Er nahm seine stolze Haltung wieder ein und verbannte seine Sanftmut in den Käfig des distanzierten Wächters. Wir hatten früh gelernt, dass es nicht gerne gesehen wurde, wenn er mir zu nahestand. Das hatte unsere Freundschaft jedoch nicht verhindern können. Es hatte uns lediglich zu guten Maskenträgern werden lassen. 
Ich straffte die Schulter, ließ das Medaillon in den Ausschnitt meines Kleides gleiten und strich meinen Rock glatt. Dann nickte ich und folgte Elio in den Gang. 
Mit jedem Schritt durch die kalten Flure ließ ich mein Selbst ein Stück weiter von mir abfallen. Ich leerte meine Gedanken, bis sie ebenso nichtssagend waren wie die blanken Wände. 
In meinen Lehrbüchern hatte ich Abbildungen des Palastes aus früheren Zeiten gesehen. Zeiten, in denen goldschimmernde Säulen die Decken stützten. Zeiten, in denen Intarsien aus schwarzem Stein kunstvolle Muster auf die Fußböden malten. Zeiten, in denen ich nicht durch diese Hallen gegangen war. Heute säumte nichts mehr unseren Weg. Kein Gold, kein Schwarz, keine Erinnerungen. Nur weiße Tristesse. 
Wir sprachen nicht auf dem Weg in den Thronsaal. Unter unseren Masken hatten wir uns nichts zu sagen. Das Geräusch unserer Sohlen auf polierten Fliesen glich unheilverkündendem Donnergrollen und begleitete unsere Schritte wie eine warnende Melodie. 
Die massiven Torflügel standen offen, und wir verlangsamten unseren Gang automatisch. Elio warf mir einen unauffälligen Blick zu, und ich erlaubte meinen Augen, ihm die Antwort zu geben, die er suchte. Ich war bereit, und wie es seine Rolle als Leibwächter verlangte, ließ er sich zurückfallen und mich zuerst eintreten. 
Mein Vater saß auf dem massiven Thron am anderen Ende des Raumes. Einst war dies wohl ein eindrucksvoller Platz gewesen, doch der Prunk war verblasst. Wie alles in diesen Mauern. Seine Berater in ihrer goldenen Kleidung wirkten wie Fremdkörper in der Endlosigkeit aus Weiß. 
Mit schnellen Schritten durchquerte ich den Saal. Kein Anzeichen des Zögerns, kein Stocken. Die schillernden Stoffbahnen meines Rockes bauschten sich hinter mir und kamen gleichzeitig mit dem Gemurmel der Berater zum Erliegen. Die ganze Zeit über spürte ich Elios Anwesenheit in meinem Rücken. Intuitiv passte er sich mir an, hielt unseren Abstand konstant und gab mir Halt. 
»Vater, Ihr wolltet mich sprechen?« Obwohl ich meinen Gefühlen verbot, sich zu zeigen, konnte ich nicht verhindern, dass mein Ton sanfter klang als beabsichtigt. 
König Nevân war noch immer ein eindrucksvoller Mann. Selbst nach so vielen Sonnenjahren des Leidens hatte er diese Wirkung niemals verloren. Den stolzen Blick und die gerade Nase hatte ich von ihm geerbt. Ebenso wie meinen unnachgiebigen Geist. Zumindest wenn ich den Erzählungen von Elios Vater Cyrus Glauben schenkte, der meinem Vater bereits viele Sonnenjahre vor meiner Geburt als Freund zur Seite gestanden hatte. Denn der Mann, in den meine Mutter sich einst verliebt hatte, war ein anderer gewesen. 
Beim Klang meiner Stimme hob er den Blick, als wäre er die ganze Zeit nicht anwesend gewesen. »Tochter.« Ein Lächeln legte sich auf seine blassen Lippen und ließ seine amberfarbenen Augen strahlen. »Du hast mich so lange nicht besucht.« 
Ich trat an den Thron und nahm seine Hände in meine. Fiebrige Hitze umfing seine Haut, die selbst die typische Wärme der Lucid weit überstieg. Die goldenen Sommersprossen strahlten so hell, als wären Scherben der Schattensonne herabgefallen und hätten sich in seine Wangen gegraben. 
Längst konnte sein Körper das Übermaß an Lichtenergie, mit dem er sich umgab, nicht mehr aufnehmen oder gar verarbeiten. Mit dem Verlust seines Gegenstücks war nicht nur die Liebe seines Lebens von ihm gegangen, sondern auch sein Gleichgewicht. Wo keine Schatten mehr sind, wird Licht verzehrend. 
»Verzeih mir. Ich bemühe mich wieder öfter nach dir zu sehen.« Ich verzichtete darauf, ihm zu erklären, dass ich erst gestern mit ihm zu Abend gegessen hatte. Denn obwohl sein Geist sich beständig weigerte, mich zu vergessen, so schaffte er es doch nicht mehr, die Erinnerungen an einen vergangenen Tag festzuhalten. 
Er entzog mir eine Hand und legte seine Finger an meine Wange. Der Nebel in seinen Iriden lichtete sich und ließ die Fürsorge eines Vaters für seine Tochter darin erstrahlen. »Du wirst jeden Tag schöner. Du hast das Lächeln deiner Mutter.« 
Ungeweinte Tränen meines Lebens brannten in meinen Augen. Auch diesmal gestattete ich ihnen nicht, sich zu zeigen. Trauer hatte meinen Vater seines Verstandes beraubt. Hatte ihn vergehen lassen wie einen Tropfen Wasser in den Sandbergen Argijas. Welches Recht besaß ich, diese Trauer zu teilen, wenngleich ich die Frau seines Herzens, meine Mutter, nie kennengelernt hatte? 
Bevor ich mich für das Kompliment bedanken konnte, wurden seine Augen erneut trüb, und ich wusste, das Vergessen hatte ihn wieder zu sich geholt. Dennoch beugte ich mich nach vorne und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Sein Bart kitzelte meine Nase und erinnerte mich an Momente meiner Kindheit, in denen er mein Vater sein konnte. In denen er Elio und mir Geschichten erzählte oder mir die Lieblingsblumen meiner Mutter in den Gärten zeigte. Doch mit jedem Tag, der verging, wurden die Momente seltener, in denen er sich aus dem Gefängnis seines Geistes lösen konnte. 
Die Kette an meinem Hals bewegte sich, und das Medaillon hatte auf dem glatten Stoff meines Kleides keinen Halt. Ich reagierte zu langsam. Der Blick meines Vaters fand das schimmernde Schmuckstück, ehe ich meine Finger darum schließen konnte. 
Ein Schrei durchschnitt die angespannte Atmosphäre im Thronsaal. Hallte von den Wänden wider, brach sich an gemeißelten Säulen und zersplitterte zu einem Stakkato des Grauens. Mit schreckgeweiteten Augen stieß der König mich von sich, als wäre ich sein persönlicher Tod. 
Elio war sofort hinter mir. Lautlos hatte er den Abstand zwischen uns überbrückt und fing mich auf. Seine Wärme hüllte mich ein, doch selbst sein Licht konnte die Kälte nicht aus meinen Gliedern vertreiben. 
»Schatten... Alamea, dein Herz... Du musst es beschützen.« Die wirren Worte meines Vaters begleiteten mich, während Elio mich aus dem Saal führte. Nachdrücklich und zugleich behutsam schob er mich vorwärts, bis wir die Türflügel hinter uns gelassen hatten und das erdrückende Weiß des Flurs uns einhüllte. 
Unendliche Traurigkeit erfüllte mein Herz. Vielleicht war mein Schicksal gar keine so schwere Bürde, wenn Liebe zu so etwas im Stande war. Wenn sie den stärksten Mann in die Knie zwang, als wäre er nichts weiter als ein Glutfunken in einem Meer aus Dunkelheit. 
Elio räusperte sich leise. Er hatte seine Fäuste geballt, und ich konnte meinem Freund ansehen, wie viel Kraft es ihn kostete, seine Haltung zu wahren. Mich nicht in seine Arme zu schließen, wie früher, als mir die Ausbrüche meines Vaters noch Angst eingejagt hatten. 
Gerne hätte ich ihn beruhigt, doch mahnende Schritte aus dem Thronsaal hielten mich zurück. 
Ein Berater meines Vaters trat zu uns und fixierte mich. »Prinzessin ...« Keine Respektbekundung, ein Tadel. Die grauen Augen des Lucid fanden das Medaillon um meinen Hals. »Wie oft müssen wir Euch noch erklären, wie schlecht solcherlei Vorfälle für die Gesundheit des Königs sind? Ist sein Wohl Euch so gleichgültig?« 
Ich spürte Elios Zorn wie eine auflodernde Flamme neben mir und straffte meine Schultern. »Ich glaube nicht, dass ich Euch Rechenschaft schuldig bin.« Meine Stimme klang wie ein Eisregen. 
Die Augen meines Gegenübers verengten sich kaum merklich. »Wie Ihr wisst, hat Euer Vater jegliches Anzeichen der Merakî aus dem Schloss verbannen lassen und mit selbigen die Farbe Schwarz.« 
Meine Maske aus kühler Arroganz verrutschte nicht, auch wenn mein Innerstes erbebte, es danach schrie, das Erbe meiner Mutter zu verteidigen. Mich das Ungleichgewicht der Kräfte verzehrte. 
Ohne eine Erwiderung abzuwarten, griff der Lucid nach meiner Kette. »Ich nehme dieses Objekt an mich und werden es den Gesetzen gemäß entsorgen.« 
Elios Hand schnellte vor und ergriff den Berater, bevor dessen Finger die Chance hatten, mich zu streifen. Blitze zuckten über die Haut meines Freundes. Ein Gewitter aus unterdrückter Wut, und seine Stimme war drohend wie ferner Donner. »Ihr rührt sie nicht an.« 
Der ältere Lucid zog sich zurück, zupfte betont energisch die Ärmel seines Fracks zurecht und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Der Blick seiner tosenden Augen ruhte auf mir. »Sorgt dafür, dass der König nicht noch einmal durch Eure Sentimentalitäten in Aufregung gerät, Prinzessin Alamea.« 
Mein Geburtsrecht. Mein Name. Aus seinem Mund klang beides wie eine Beleidigung. Er wandte sich ab, trat zurück in den Thronsaal. Keine Verabschiedung. Keine Höflichkeiten. 
Elios Finger fanden meine und drückten sie. Ich erwiderte die Geste, dann traten wir den Weg zurück in meine Gemächer an. 
Vor zehn Sonnenjahren war die Farbe Schwarz für meinen Vater zu einer Qual geworden. 
Vor einundzwanzig Sonnenjahren wurde die Farbe Weiß zu meiner. 
Der Versuch, sein eigenes Leiden zu lindern, verdammte mich zu einem Leben in farbloser Leere. 


Kapitel 2 - Khaos

 Die Schatten flüsterten. Strichen meine Arme hinauf, fielen wie ein dunkler Umhang meinen Rücken hinab und umschmeichelten jeden Zentimeter meines Körpers.
 »Siles Imre.« Ein Hauch genügte, und sie schlüpften unter meine Haut, formten sich zu weit verzweigten nachtfarbenen Mustern. Meine Stiefel rutschten schmatzend über den morastigen Untergrund. Im Düsterwald einen sicheren Stand zu finden, war eine Kunst, die die meisten Merakî nie vollständig erlernten.
Der sumpfige Boden wurde durch das verästelte Wurzelwerk der uralten Laubbäume aufgebrochen, und auch ohne eingeschränkte Sicht  zu einer halsbrecherischen Stolperfalle. Jede Zelle meines Körpers war zum Zerreißen gespannt. Mein Atem ging flach und so gleichmäßig wie mein Herzschlag. Keine innere Unruhe durfte von mir Besitz ergreifen. Nichts, was die Schatten in Ungleichgewicht stürzte und somit den Ausgang meines Trainings gefährdete, konnte ich mir erlauben.
»Du bist noch nicht so weit. Einer der besten, aber noch nicht bereit.« Die Stimme meiner Mutter klang wie ein Störgeräusch in meinen Ohren.
Ich schloss für einen Moment die Augen. Atmete. Als ich sie wieder öffnete, hatte sich mein Kopf von allen überflüssigen Gedanken befreit. Du hast dich geirrt. Ein Grinsen umspielte meine Mundwinkel, als ich schräg hinter mir ein verräterisches Knacken vernahm.
»Avare.« Kühlend flossen sie über meine Handflächen, brachen aus meinen Fingerspitzen hervor und sammelten sich rechts und links meiner schlammbespritzten Stiefel. Die Gabe, durch das Zwielicht zu wandeln, besaßen alle Merakî von Geburt an. Ein Keress, ein Flüsterer, zu werden, war der Wunsch von vielen. Die meisten scheiterten, verloren sich für immer in der Dunkelheit.
Ich bewegte die Finger meiner rechten Hand in einem kaum sichtbaren, gleichmäßigen Takt. »Restaris.« Ein Wispern erklang, ehe sie sich davonstahlen, meinem Befehl Folge leisteten. Ein erstickter Laut sorgte dafür, dass ich mich umdrehte.
Wenige Schritte entfernt wand sich eine Gestalt am Stamm einer Kalâeiche und versuchte, die dünnen Seile aus schwarzen Rauchfäden, die ihren Körper umschlangen, zu durchtrennen.
Müde lächelnd trat ich näher. »Was soll das werden?«
Ein frustriertes Schnauben entwich ihren zusammengepressten Lippen. »Lass den Unsinn und ruf deine Lakaien zurück, Khaos.«
Ein bedrohliches Zischen, begleitet von einem flammengleichen Knistern glitt in Wellen über ihre lederne Rüstung. »Für diese Beleidigung sollte ich dich hier verrotten lassen, Kilith«, knurrte ich und ballte die Hände zu Fäusten.
Wir lebten im Einklang mit den Schatten. Sie waren ein Teil von uns. Und die Keress pflegten ebenso wie die Senkâ, die Weber, eine besondere Bindung mit der Energie, die uns umgab.
»Sicher, grüß Rîona von mir, wenn du zurück bist.« Ein gehässiges Lächeln legte sich auf ihre Züge.
Ich beugte mich vor und spürte, wie sich ihr Körper anspannte. »Werde ich.« Ein Flüstern ganz nah an ihrem Ohr, gefolgt von einem Windhauch, ehe sich meine Hand um die Schattenfäden eines tiefhängenden Astes schloss.
»Avare.« In einem Wirbelsturm aus Mitternachtsschwärze löste ich mich auf, und als das vertraute Ziehen in meinem Magen erwachte, schloss ich die Augen.

»Âme lässt dich grüßen.« Ich betrat das Zimmer, ohne anzuklopfen.
Meine Mutter sah von der Karte auf, die beinahe ihren gesamten Schreibtisch einnahm und runzelte die Stirn. »Ich erwarte sie seit einer Weile. Ist sie...«
Ich lehnte mich gegen den breiten Holzbalken, der säulenartig in der Mitte des Raumes aus dem Boden ragte. »Sie ist gerade  unpässlich.«
Mit verschränkten Armen verharrte sie nahe dem Fenster, in dessen leicht trüben Glas sich die Umrisse von Gebäuden abzeichneten. Erbaut zwischen den Ästen der Bäume und verbunden mit meterlangen Hängebrücken. Eine Siedlung auf Zeit, die ihre Lebensdauer bereits vor Mondjahren überschritten hatte.
»Die Späher sind zurück.« Konzentriert beugte sie sich über die Landkarte. Ich trat an ihre Seite. Ihr Zeigefinger zeichnete eine Linie entlang der weißen Grenze. »Agrija patrouilliert entlang des Walls. Was unseren Handel in Barash nahezu vollständig zum Erliegen bringt.«
Neugierig schoben sich einzelne schwarze Schattenzungen unter meinen Ärmeln hervor und kitzelten meinen Handrücken. »Gibt es Lücken, Schwachstellen, durch die wir in die Stadt gelangen können?«
In ihre dunklen Augen stahl sich ein Funkeln, ein kurzer Anflug von Stolz, ehe er in sich zusammenfiel und erlosch, bevor ihn jemand wahrnehmen konnte. Jemand, der sie nicht halb so gut kannte wie ich.
»Wenige und es werden von Mal zu Mal weniger. Das Herz wird zu einer Festung und die Lucid zu seinen goldenen Wächtern.« Ihr Blick mied den meinen, als er kurz den Siegelring an meinem linken Zeigefinger streifte. Für die Anführerin der Merakî war er ein dunkles Omen, für mich eine schmerzhafte Erinnerung an ein Leben, das sich nicht mehr nach meinem eigenen anfühlte. Gestohlen und zerbrochen. Durchzogen von Adern aus Schwarz, Gold und Weiß.
»Wenn sie den Handel mit uns einstellen ...« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Die Energie ist knapp, und ich kann nicht riskieren, dass sie den nächsten Trupp erneut erwischen.«
»Ich werde gehen. Allein. Raiden und einige Senkâ warten an einem unbewachten Grenzübergang.« Ich wandte mich um.
»Khaos«, ihre Stimme war kühl und distanziert, »du darfst nicht scheitern.«
Ich stieß die Tür auf und hob das Kinn. Drehte mich nicht noch einmal um, und die Schatten ließen meine Konturen verschwimmen, ehe sie mich davontrugen. »Niemals.«

Das schwache Leuchten reichte kaum aus, um das, was ich seit Mondjahren mein Zuhause nannte, zu erhellen. Die Lumix, vom Lichtvolk kreierte Tropfen reiner Energie, schwebten in gläsernen Gefäßen, die sowohl auf dem Boden als auch an den Wänden platziert waren. Ihr goldenes Funkeln erinnerte an das Flackern einer Kerzenflamme. Das Knarren des Holzes unter meinen Stiefeln ließ mich die Stirn runzeln. Die Dunkelheit brauchte das Licht. Sie brauchten einander. Ich kniete mich vor das größte der Behältnisse und öffnete den kleinen Riegel. Augenblicklich schoss die Lumix an mir vorbei, doch meine Schatten waren schneller. Sie legten sich um die pulsierende Energie.
»Liberare.« Ein Wispern genügte, und sie leiteten das Licht in das Gehölz des Baumes. Ein raunendes Aufatmen erklang, und meine nächsten Schritte waren lautlos. Ich rieb mir über die Augen und trat an eines der Fenster. Ringsum waren die Häuser spärlich erleuchtet, vereinzelte Äste der Kalâeichen kahl, und der Nebel, der aus den umliegenden Sümpfen stieg, wurde dichter. Meine Mutter hatte recht. Wenn wir nicht bald etwas unternahmen, würden die Lebensumstände im Düsterwald mehr als schwierig werden. Ich ließ mich auf das zerwühlte Bett fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Der Druck des Siegelrings in meinem Nacken erinnerte mich schmerzlich an meine längst nicht mehr zu erfüllenden Pflichten. Ich schloss die Augen, und die Schatten schoben sich wie eine schützende Mauer an meine Seite. Verbargen mich für einen Augenblick vor der Welt.

»Zeig sie mir, bitte.« Das Funkeln in ihren unterschiedlichen Iriden spiegelte eine Mischung aus Neugier und Sorge. »Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Was, wenn uns jemand sieht?« Seine Hand umfasste die ihre, und er zog sie ein Stück von mir fort. Nur einen Schritt, bevor sich die Wissbegierde auch auf seinen Zügen nur allzu deutlich zeigte. »Ich will sie sehen. Khaos, bitte.« Den Schritt, der uns trennte, überbrückte sie eilig. Ich sah zu ihrem goldenen Wächter, zu dem Jungen, der mein Gegenstück bildete und grinste. »Sieh genau hin.« Die Finsternis floss meine Arme hinab und erschuf einen wabernden Kreis um unsere Gestalten. Ihre Lippen formten einen überraschten Laut, während mein Gegenüber schluckte und sich immer wieder nervös umsah.
 »Das reicht. Ruf sie zurück.« Ich verdrehte die Augen und wartete einen weiteren, quälend langen Moment, nur um ihn zu ärgern. »Khaos!« Schmunzelnd hob ich eine Augenbraue und ließ die Schatten unter meine Haut schlüpfen. Ein erleichtertes Seufzen, gefolgt von einem strengen Blick, brachte unseren Schützling dazu, hinter vorgehaltener Hand zu kichern. »Wir müssen uns beeilen. Sie warten in der Bibliothek auf uns.« Eifrig nickend drehte er sich zur Tür. Ich verschränkte die Arme. Ihre Finger berührten meinen Handrücken, ehe auch sie sich umwandte. »Sie sind wunderschön«, flüsterte sie, und in ihr mitternachtsblaues Auge stahl sich ein Strahlen, das mein Herz stolpern ließ. Es geriet aus dem Takt. Zum ersten Mal ...
 
Schwer atmend fuhr ich hoch, und mein Blick fiel auf das Schmuckstück an meinem Zeigefinger. Ganz egal wie oft ich ihn abgenommen und unter die lose Bodendiele verbannt hatte, nach nur wenigen Stunden holte ich ihn wieder hervor. Als fühlte ich mich unvollständig ohne ihn. Als könnte ich das zerrissene Band aufrechterhalten. 
Ein Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Im diffusen Dämmerlicht erkannte ich Raiden, meinen engsten Vertrauten, seit das Schicksal mir meinen besten Freund gestohlen hatte. 
»Habe gehört, du hast einen Auftrag von Rîona erhalten. Wie riskant ist er?« Er betrat den Raum und warf mir eine kleine Phiole zu. Eine dunkelgrüne Flüssigkeit bewegte sich träge darin. Grinsend hob er seine eigene an die Lippen. Ich tat es ihm gleich und leerte sie in einem Zug. Meine Kehle brannte. 
Die Mischung aus Kräutern und Alkohol ließ Raiden husten. »Widerliches Zeug. Also?« 
 Ich gab ihm das leere Fläschchen zurück. »Ich gehe nach Barash und sorge dafür, dass wir genug Lumix bekommen, um diesem traurigen Anblick etwas mehr Leben einzuhauchen.« Nickend wies ich in Richtung Tür. 
»Risikoreich. Was, wenn die Goldenen dich erwischen?« Er ließ sich in einen der schwarzen Sessel nahe dem Fenster sinken und musterte mich aufmerksam. 
»Ich bin ein Keress. Um mich zu erwischen, müssen die Glühwürmchen früher aufstehen.« 
Ein Lachen löste sich aus Raidens Kehle, und er fuhr sich durch die aschbraunen Haare. »Bereit, wenn du es bist.« 
Ein dunkles Grinsen schob sich in meinen Mundwinkel. Die Lucid würden nicht wissen, wie ihnen geschah. Die Dunkelheit bekam immer, was ihr zustand. 

*** 

Feiner Regen benetzte das hohe Gras und durchdrang meine Hose, während das Leder meine Jacke wenigstens meinen Oberkörper trocken hielt. Seit einigen Schattenläufen verharrte ich bewegungslos an Ort und Stelle und beobachtete die weiße Grenze. 
Ein leises Rascheln erklang, als Raiden neben mir aus den Schatten trat. »Wir sind so weit.« 
Ich nickte langsam, wandte mich aber nicht zu ihm um. »Ihr verschwindet sofort, sollte sich an der Situation etwas ändern, verstanden?« 
Ich spürte, wie mein Freund unruhig sein Gewicht verlagerte. »Es wird sich nichts ...« 
 »Raiden, verstanden?« Mein Tonfall duldete keine Widerworte. 
Mit zusammengebissenen Zähnen nickte er. 
Ich öffnete meine rechte Hand, und meine Finger bewegten sich langsam und rhythmisch auf und ab. »Avare.« 
Ihr Flüstern hüllte mich in einen altbekannten Strudel aus sicherer Schwärze. Zerfaserte meine Gestalt in kaum sichtbare tanzende rauchgraue Partikel. Das Letzte, was ich sah, bevor die Finsternis mich verschluckte, waren Raidens sorgenvolle Augen und seine angespannten Züge. Dann verschwand die Welt in einem Meer aus Mitternachtsfarben.