Leseprobe The cold light of a dying star
- Lisa und Noa
- 10. Apr.
- 46 Min. Lesezeit

Prolog
In dem Augenblick, in dem die Nacht ihres leuchtenden Kindes beraubt wurde, zog ein Sturm auf. Ein Sturm so gewaltig, dass er imstande war, die Welten für immer auseinanderzureißen. Und aus ihrer blutenden Wunde entstand die Dunkelaura. Aradraz, die verschlingende Finsternis.
Die Menschen, die Jahrhunderte in Frieden und Überfluss mit dem Volk der Nacht, den Dunkelalben, gelebt hatten, waren gierig geworden. Zu wissen, dass im Himmel über ihnen Magie existierte, Kräfte, die ihrer Welt nie innewohnen würden, trieb sie zu dem wohl grausamsten Verbrechen seit Anbeginn der Zeit.
Sie stahlen einen der hellsten Sterne des Firmaments, rissen sein Brennen an sich und zerbrachen ihn in leuchtende Fragmente. In der Hoffnung, so an seine göttliche Energie zu gelangen und ihr eigenes Volk den Akrōnux ähnlicher werden zu lassen. Doch sie stürzten alles je Dagewesene in nicht enden wollendes Unheil und zerstörten die Balance von Askireî und Eldîr, Himmel und Erde, für immer.
Die Bruchstücke des gefallenen Sterns vermochten es nicht, zu den ihren zurückzukehren, und so fraßen sie sich in die Seelen der Menschen. Machten sie sich zu eigen, bis der Tod sie heimsuchte und der Splitter weiterziehen musste.
Was einst gewaltsam genommen, ängstigte die Diebe mehr und mehr und die Gezeichneten wurden zu Ausgestoßenen. Abnormalitäten, in deren Adern das gestohlene Herz, die reinste Form der Magie schlummerte.
Und die verbliebenen Geschwister der Sterne schickten drei Götter aus, um unter den Dunkelalben Gesandte zu erwählen, deren Krieger und Kriegerinnen sie rächen würden.
Drei Sterngesandte, sechs Jäger und Jägerinnen, gesegnet mit dem Kuss der Dunkelheit.
Ihre Aufgabe in Blut geschrieben, zu töten, was einen der verlorenen Fragmente in sich trug und diesen nach Askireî zu bringen. Denn nur dort könne der Stern erneut zusammengefügt werden und zurück in die Ewigkeit des Himmels gelangen.
So fallen seit 100 Jahren, wenn der Mond sein Gesicht verbirgt, sechs Sternschnuppen zur Erde. Ihre todbringende Schönheit ein Fluch, den die Menschen Eldîrs auf sich nahmen, als sie beschlossen, dass Toleranz und Respekt nicht länger ihr höchstes Gut sein würden.
Ihre Namen haben sich gewandelt, denn ihre Bestimmung ist nicht selten tödlich. Doch in den Legenden der Zeit werden sie Ka’elar genannt. Die dunklen Wächter.
Bereit zu sterben für den Schutz ihrer Götter. Der Sterne.
Kapitel 1 - Arivey
Wo Herzen leise sterben
10 Jahre zuvor
Die Luft schmeckte nach Verrat, als der erste Stern fiel. Sein Feuer vermochte es nicht, durch das dichte Blätterdach der Wälder zu dringen, und doch konnte ich seine Flugbahn mit den Augen verfolgen. Spürte seinen flammenden Schein, als habe er seinen Weg direkt in meine Seele gezeichnet.
Drängende Sehnsucht ergriff meinen Körper. Wollte mich zwingen, ihrem Ruf zu folgen. Geräuschlos spannte sich die Bogensehne. Die Augen geschlossen, verharrte ich in Stille. Spürte dem Brennen meiner Muskeln nach, das beständig zunahm und die Unruhe unter sich begrub. Körperlicher Schmerz war stets stärker als das Verlangen.
Zwei weitere Sterne fielen. Mein Arm begann zu zittern. Ich spannte die Sehne stärker. Nur noch ein wenig länger.
Leise Schritte näherten sich. Bevor meine Mutter sanft über mein Haar strich. »Wie viele?«
Sechs gefallene Sterne.
Sechs Jäger.
Jeden Monat meines Lebens kamen sie in der dunkelsten Dämmerung. Manchmal weniger, doch niemals mehr. Seit sechzehn Jahren.
Mein Kiefer mahlte unter der Anstrengung. »Alle.«
Feuer durchfuhr meinen Arm. Setzte jede Muskelfaser in Brand, während die zärtlichen Finger begannen, durch mein Haar zu streichen. Die Berührung so gegensätzlich zu der Qual, der ich mich selbst aussetzte, um meinen Geist bei Verstand zu halten.
Leise summend flocht meine Mutter die langen schwarzen Strähnen zwischen ihren Fingern zu einem straffen Zopf. Das Lied, meine erste Erinnerung. Seit ich denken konnte, erfüllte die sanfte Melodie meine Gedanken in jeder Nacht, die meine letzte hätte sein können.
»Lyra!«
Der Schrei meines Vaters zerriss die Noten. Die Splitter regneten auf mich herab wie glühende Asche. Ein Dröhnen fuhr durch die kleine Hütte, welche meine Eltern inmitten des tiefsten und dunkelsten Waldes errichtet hatten.
Meine Mutter sprang auf. Das Sirren ihres Dolches vibrierte in meinen Ohren, während sie sich der Tür zuwandte. »Bleib hier, Arivey.«
Ihre Wärme verschwand hinter mir und nahm die Ruhe mit sich. Ihre Worte nicht länger mütterliche Fürsorge, sondern der Befehl einer Generalin an ihren Soldaten. Meine Eltern hatten mich gelehrt zu kämpfen, mit dem Bogen hatte ich sie beide längst übertroffen. Und dennoch vertrauten sie nicht darauf, dass es genug war. Dass meine Beherrschung ausreichen würde, sollte ich einem von ihnen gegenübertreten. Niemals zuvor hatten sie uns gefunden. Doch wie es schien, verging jedes Glück irgendwann.
Stahl auf Stahl. Der Gesang der wütenden Klingen hallte durch die Wände. Sickerte durch jede Fuge und infizierte den kleinen Raum, der mir als Schlafplatz diente. Schritte, von schweren Stiefeln getragen, dröhnten in meinen Ohren. Meine Nerven zum Zerreißen gespannt. Langsam senkte ich den Bogen, griff nach dem Köcher neben meinem Bett. Legte die Pfeile neben mir auf die Matte aus getrockneten Gräsern und Moosen.
Und plötzlich war es still. Die Waffen schwiegen. Mein Atem schien widernatürlich laut in der plötzlichen Ruhe. Das Brennen meiner Muskeln flaute ab, brachte das Verlangen zurück. Wie ein unstillbarer Durst trieb es mich nach draußen. Als wären die Lichter der gefallenen Sterne das einzige Wasser in einer Steppe aus verbrannter Erde und Staub.
Schritte näherten sich der Tür. Sie gehörten nicht zu meinen Eltern. Waren zu laut für die katzengleiche Stille meiner Mutter und zu grob für die tänzelnde Leichtigkeit meines Vaters. Ein Pfeil fand den Weg auf die Sehne. Der Schmerz kehrte augenblicklich zurück. Bereits zu lange hatte ich die Muskeln beansprucht. Ich genoss ihn. Ließ ihn meinen Geist klären, meine Atmung beruhigen.
Die Tür wurde aufgestoßen und das Geschoß fand sein Ziel. Zitternd blieb er im Auge des Eindringlings stecken, der für einen Augenblick überrascht schien, bevor er zusammenbrach. Kaum Blut trat aus der Wunde.
Der nächste Pfeil traf ein Herz. Diesmal blutete es. Besudelte den Holzboden. Die Dielen, die mein Vater alle selbst angefertigt hatte.
Spannen.
Schießen.
Nicht nachdenken. Nicht hinterfragen.
Zwei weitere Männer erschienen in der Tür. Sahen ihre gefallenen Kameraden und wichen zurück.
Ein Streifschuss.
Nicht gut genug.
Ich legte einen neuen Pfeil auf. Wartete. Mein Arm begann zu zittern. Brannte und plötzlich peitschte ein Laut durch meine Glieder. Ein Knall wie von einer gerissenen Bogensehne, nur dass niemand außer mir ihn wahrnehmen konnte. Feuer schoss durch meine Schulter. Der Pfeil bohrte sich in den Türrahmen. Mein Arm sank herab. Blieb nutzlos an meiner Seite hängen. Ärger über das Versagen meines Körpers überlagerte den Schmerz.
Schnaubend zog ich den Dolch aus der Beinschiene an meinem Oberschenkel. Links war nicht meine starke Hand, doch heute würde sie ausreichen müssen. Die Männer betraten das Zimmer. Kalter Stahl blitzte in ihren Händen, spiegelte sich in ihren Augen. Doch sie trugen kein Licht bei sich. Wo waren die Sterne? Blitzschnell huschte mein Blick zu ihren Ohren. Zu jenen der Gefallenen. Sie waren menschlich. Nicht spitz und sonderbar. Nicht so, wie sie sein sollten. Wie meine Mutter es mir beigebracht hatte.
Bevor ich den Gedanken zu Ende führen konnte, griffen sie an. Ihre Klingen weit länger als die meine. Doch ich war schneller. Wendiger. Blut tränkte den Ärmel des rechten Mannes. Mein Streifschuss verlangsamte seine Bewegungen. Ein gezielter Schnitt durchtrennte seine Unterarmsehne. Sein Schwert fiel zu Boden und ein Schlag traf meinen Hinterkopf.
Keuchend sank ich auf die Knie. Ein dritter Mann betrat das Zimmer. »Fesselt sie, bevor dieses Tier noch weiteren Schaden anrichtet.«
Tier. Die Bezeichnung rann durch mich hindurch wie süßer Honig. Er hatte recht. Meine Eltern waren vor unserer Flucht Jäger gewesen, doch mich hatten sie zu einem Raubtier gemacht.
Ich wartete. Den Kopf geneigt. Den nutzlosen Arm scheinbar auf dem Holz aufgestützt, während die Finger des anderen zu meinem Gürtel glitten. Die fingerlange Klinge hervorzogen, die für einen unaufmerksamen Betrachter nicht sichtbar war.
Der unverletzte Soldat kniete sich hinter mich, griff nach meinem rechten Arm. Haut berührte Haut und ich wirbelte herum. Das Messer fand sein Ziel. Blieb in seinem Hals stecken, und er röchelte. Warmes Blut quoll aus der Wunde, bevor er zusammenbrach.
Ein Tritt in die Seite brachte mich zum Fallen. Doch kein Laut verließ meine Lippen. Der Schmerz war mein Vertrauter. Mein Verbündeter seit so vielen Jahren. Diesmal griffen gleich vier Arme nach mir. Zerrten mich auf die Füße.
Die rohe Gewalt sandte Blitze durch meinen verletzten Arm. Schwärze drängte in mein Sichtfeld.
»Bringt sie nach draußen zum Rest der Verräter.« Der Befehl hallte durch den schmalen Raum.
Verräter. Das Emblem auf der Brust des Mannes verspottete mich. Warum sah ich das erst jetzt? Sie alle trugen es. Die Toten sowie die Lebenden. Keine Jäger. Die Milites Solis, die Krieger der Sonne.
Übelkeit schickte bittere Galle in meine Kehle, während die Worte meiner Mutter in mir nachhallten.
»Die Sanctitus Solis erließen das Gesetz, dass jedes Kind, dessen Augen die Farbe der Nacht nach dem sechsten Monat noch tragen, an die Priester übergeben werden muss. Zum Schutz der Bevölkerung und der von Dunkelheit vergifteten Kinder.«
Sie hatte sich bemüht, die Geschichtsstunde wertungsfrei vorzutragen, doch am Abend, als sie mich ins Bett brachte, fügte sie etwas hinzu, das in keinen Büchern stand.
»Niemand sah eines der Kinder je wieder, doch ich habe Mütter getroffen, die schwören, die Schreie des ihren zu hören, wenn sie nur nahe genug an die Mauern des Klosters herantreten. Bei deiner Geburt schwor ich, dass meine wunderschöne Tochter niemals im Inneren dieser verdorbenen Mauern weinen würde. Der Stein dieses Gebäudes blutet Schmerz und Leid, doch deiner wird niemals dazugehören, Arivey.«
Meiner wird niemals dazugehören.
Brutal wurde ich vorwärts gestoßen, auf die Tür meines Zimmers zu und hinaus auf die kleine Freifläche vor unserem Zuhause. Meine Eltern knieten im Schmutz. Gefesselt. Blut rann über das Gesicht meines Vaters, sickerte aus der Wunde auf seiner Stirn. Das Oberhemd meiner Mutter war zerrissen, ein Schnitt hatte es geteilt, doch die Ränder des Stoffes waren kaum verfärbt. Die Klinge hatte ihren Körper nur gestreift.
Keine lebensgefährlichen Verwundungen. Nichts, was uns von einer Flucht abhalten würde. Doch gerade als ich den Mann zur Seite stoßen wollte, der mich noch immer festhielt, traten weitere Silhouetten aus dem Nebel zwischen den Bäumen.
Sie führten das goldene Banner der Sanctitus Solis, der Heiligkeit der Sonne. Weitere Krieger, in einfaches Leder gehüllt, folgten drei hoch gewachsenen Gestalten. Ihre Gewänder schienen aus purem Gold gewoben, auch wenn der Prunk im Schatten des Waldes seinen Glanz verlor.
Priester.
Nicht fähig zu kämpfen, doch in Begleitung zu vieler Männer, die es konnten. Und weder meine Eltern noch ich hatten eine weitere Waffe am Körper. Die Flucht würde warten müssen. Die Wirrungen des Waldes würden uns schützen. Niemand kannte die entlegenen, düsteren Winkel besser als meine Eltern.
Mit einem abfälligen Blick bedachten die Priester meine am Boden knienden Eltern.
»Führt sie ab. Ihr Urteil wird in der heiligen Stätte gesprochen. Die Sonne soll über sie richten.« Der Mittlere hatte das Wort ergriffen. Die dunklen Augen nun auf mich gerichtet.
Mit bedächtigen Schritten trat er näher. Als würde er sich tatsächlich einem wilden Tier nähern, das er nicht verschrecken wollte. Seine langen Finger legten sich um mein Kinn. Nicht, dass es nötig gewesen wäre, es war bereits erhoben.
Er schnipste unwirsch in Richtung eines Milites, der eine kleine Laterne bei sich trug. Eilig kam dieser herbei und der Priester schnalzte mit der Zunge. »Armes Ding. Vergiftet von der Nacht. Doch keine Sorge, die Sonne wird dich reinigen und in ihren Kreisen willkommen heißen.«
»Nehmt eure Finger von meiner Tochter, ihr widerliches …« Die Worte meines Vaters erstarben und ein dumpfer Aufprall erklang. Sein Körper fiel vornüber. Bewusstlos geschlagen von einem der Krieger.
Der Priester wandte sich an meine Mutter. »Es könnte euch Gnade zuteilwerden lassen, wenn ihr euren Verrat gesteht und Buße leisten wollt. Die Sonne ist gnädig.«
Sie spuckte ihm auf die Füße. »Niemals würde ich meine Treue schwören für Männer, die unschuldige Kinder foltern in vorgeblich gutem Willen.«
Einen Augenblick musterte der Mann mit den tiefdunklen Augen den Speichel auf seinen polierten Stiefeln. »Nun, dann werdet ihr die Konsequenzen eurer Entscheidungen zu tragen haben. Auf Verrat an der Sonne steht der Tod.«
Ein Rauschen hob an. Mein Blut raste durch meine Adern. Der Blick meiner Mutter fand meinen. Ihre Schultern waren gestrafft. Keine Schwäche zeichnete ihren Ausdruck.
»Wie viele, Arivey?« Zum zweiten Mal stellte sie mir diese Frage, doch diesmal sprach sie nicht von den fallenden Sternen. Ich erkannte es an ihrer Art, die Worte zu formen. Nicht sanft, sondern abwartend. Wie immer, wenn ich von der Jagd zurückkehrte und sie wissen wollte, wie viele Hasen ich erlegt hatte.
»Drei.«
»Bringt sie fort. Alle. Aber verdeckt die Augen der verunreinigten Seele.«
Kratziger Stoff legte sich über meine Augen. Nahm mir die Sicht auf meine Eltern. Das Letzte, was ich sah, war das Lächeln meiner Mutter. Voller Stolz.
Der Gestank blieb. Er hatte die kühlende Frische des Waldes vertrieben. Den Geschmack meiner Heimat ersetzt durch Schweiß und Exkremente, die den Menschen folgten wie Geister ihrer vergangenen Atemzüge. Zu viele von ihnen atmeten dieselbe Luft. Und sie waren laut. So unendlich laut. Ihr Lärm übertönte meine eigenen Gedanken.
Noch immer konnte ich nicht sehen, wohin unser Weg führte. Versuchte meine Eltern in meiner Nähe zu spüren, doch die schiere Masse an Körpern, die meine Umgebung erhitzten, nahm mir auch meine anderen Sinne. Ließ mich wünschen, nichts mehr riechen und hören zu können. Nichts mehr zu fühlen, das die letzten kläglichen Reste des Waldes von mir nehmen könnte. Den Hauch von Kiefernnadeln, der noch in meinem Haar haftete, wie eine bereits jetzt verblassende Erinnerung.
Ein Ruck fuhr durch den Trupp. Grob wurde ich herumgerissen. Zum Stehen gebracht.
»Verehrte Priester … mein Sohn … ich bitte Euch, wenn ich ihn nur einmal besuchen dürfte …« Die weinerliche Stimme einer Frau durchbrach das nervenraubende Stimmengewirr der Menge.
»Gute Frau, erhebt Euch. Gebt Euch im Antlitz der Sonne nicht einer solchen Schwäche preis.« Sanftheit erfüllte die Worte des Priesters, doch es benötigte kein geschärftes Gehör, um die Lüge zu vernehmen. Den Schein, der sich wie giftiger Harz um jede Silbe schmiegte und Abscheu verschleiern sollte. »Euer Sohn wurde mit den Zeichen geboren. Und nicht alle sind offen für die Reinigung durch unsere Heilige Sonne.«
»Ihr werdet seine Seele doch nicht aufgeben?« Ein Scharren erklang und verriet mir, dass die Frau auf die Knie gesunken war.
»Unsere Heiligkeit wendet sich von niemandem ab.« Der gönnerhafte Tonfall floss von den Lippen des Priesters wie Quellwasser durch schöpfende Hände.
Ein trockenes Husten entkam meiner Kehle. »Euer Sohn ist tot.« Die Botschaft war so deutlich gewesen, dass es unvorstellbar war, wie die Frau diese nicht hatte verstehen können.
Ein Schluchzen entrang sich ihrem Körper, das dem Aufschrei eines verwundeten Tieres glich.
»Nicht doch. Ihr werdet den Worten einer Verdorbenen doch kaum mehr Glauben schenken als jenen, die von der Heiligkeit erwählt sind, oder?«
Geräuschvoll zog die Frau die Nase hoch. »Natürlich nicht, Priester. Mögest du Erlösung in der Güte unserer Heiligen Sonne finden, arme Seele.« Ihre letzten Worte waren an mich gerichtet. Zumindest nahm ich das an, da eine klebrige Hand sich auf meinen Unterarm legte. Eine Geste, die wohl tröstlich wirken sollte, in mir jedoch einzig Ekel hervorrief.
»Bringt sie in eine Z … in ein Zimmer. Ihre erste Reinigung wird stattfinden, sobald über ihre Eltern gerichtet worden ist.« Verärgerung perlte von den Worten.
Meine Eltern. Noch immer konnte ich ihre Anwesenheit nicht spüren. Waren sie überhaupt noch an meiner Seite, oder hatte man sie unbemerkt in der Menschenmenge in eine andere Richtung gelenkt? Es musste so sein. Mein Vater war noch in den Wäldern erwacht und hatte sich gegen den Griff der Milites gewehrt. Sie würden nicht still bleiben, während man uns trennte. Doch ich musste warten. Mich zunächst an die Überwältigung der Stadt gewöhnen, bevor ich fliehen konnte.
Kühle legte sich über meine Haut, doch es war nicht jene meines Zuhauses. Diese war noch immer durchsetzt von Gestank und Enge. Ein Knarren und das Geräusch unserer Schritte veränderte sich. Knirschender Staub wich glattem Stein. Der hohle Widerhall auftretender Füße begleitete unseren Weg.
Die groben Stiefel der Krieger verursachten verschiedene Geräusche. Einer klackerte leicht, wann immer er auftrat. Sicher hatte sich ein loser Stein in die Sohle getreten. Ein anderer hielt den Gleichschritt nicht. Er war immer ein Blinzeln zu spät. Sein Auftreten war leiser als das der anderen. Zwei beherrschten die perfekte Harmonie der gleichförmigen Fortbewegung.
Vier.
Zu viele, um ohne Waffen und Sicht gegen sie zu bestehen. Ich erinnerte mich an die erste Lektion der Jagd, welche mein Vater mir erteilt hatte.
»Es mag verlockend erscheinen, eine Herde anzugreifen. Selbst ein weniger geübter Schütze würde in einer großen Ansammlung etwas treffen, doch sollten die übrigen Tiere beschließen, nicht zu fliehen, könntest du deine Beute nicht mehr genießen.«
Dies war nicht der richtige Moment. Die Herde war zu groß. Doch jede zerstreute sich irgendwann. Früher oder später blieben einzelne Tiere zurück. Wenn man nur geduldig war.
Zwei Tage.
Es drang nur wenig Licht durch das schmale, hoch gelegene Fenster am oberen Ende des Zimmers, wie die Priester es nannten. Es war kalt, die hintere Wand aus nacktem Stein, grob behauen und an einigen Stellen von roten Flecken bedeckt. Vielleicht hatten die andauernden Schreie die vorherigen Bewohner dieses Raumes dem Wahnsinn verfallen lassen, bis sie keinen Ausweg mehr sahen, als ihren Kopf so lange gegen die Wand zu schlagen, bis sie endlich Ruhe fanden.
Zu den Seiten waren die Mauern nur hüfthoch. Das obere Ende war mit dicken Stäben aus Eisen abgetrennt. Gerade weit genug voneinander entfernt, dass ein Arm hindurchpasste, jedoch kein ganzer Körper. Auch nach vorne gab es lediglich diese Art von Wand. Ein Eimer für Exkremente befand sich in der einen Ecke, eine Schlafunterlage aus hartem Holz und einem fadenscheinigen Tuch in der anderen.
Zu meiner Linken saß ein Junge mit großen blauen Augen und eingefallenen Wangen. Kaum älter als zehn Jahre. Er murmelte in einem beständigen Fluss unverständliche Worte. Sah dabei auf seine Hände und hob den Blick auch dann nicht, wenn die Krieger ihn zu seiner Reinigung abholten. Der Käfig zu meiner Rechten war leer, doch das löchrige, schmutzige Bettlaken war um einen der Stäbe geknotet. Bildete eine Schlaufe, ähnlich der Schlingfallen, die andere Jäger häufig nutzten. Mein Vater hatte sich stets geweigert, sie zu gebrauchen, da die Tiere sich oft in einem qualvollen Todeskampf selbst erwürgten.
Die Tür zum Flur wurde aufgestoßen und vier Milites traten ein.
Meine Augen verengten sich. Die Muskeln in meinen Beinen zum Zerreißen gespannt. Es waren nie mehr als zwei, wenn sie einen der anderen abgeholt hatten oder zurückbrachten. Wobei diejenigen, die zurückkamen, meist kaum ansprechbar waren.
Vor dem Gitter meines Raumes blieben sie stehen. »Die Erwählten der heiligen Sonne gestatten es Euch, bei der Richtung Eurer Eltern anwesend zu sein.« Der Sprecher öffnete die schmale Tür des Käfigs, jedoch nicht, bevor seine drei Begleiter ihre Waffen gezogen hatten.
Wortlos erhob ich mich. Ermahnte mich selbst zu einer friedvollen Körperhaltung. Argwohn hatte die Eigenart abzunehmen, sobald er nicht länger genährt wurde. Eine Gefahr, die nicht länger als solche wahrgenommen wird, lässt Unvorsichtigkeit wachsen.
Einer der Sonnenverblendeten schnaubte belustigt. »So schnell gebrochen. Da haben andere länger durchgehalten.«
Ich hatte nicht erwartet, dass mein Verhalten so rasch Früchte tragen würde. Doch ich würde mich nicht beschweren. Sollten sie das Reh sehen, während der Jaguar im Hintergrund seine Krallen wetzte.
Das diffuse Licht des Tages erhellte den Vorplatz des Gebäudes. Ohne die dichten Bäume des Waldes fiel es leichter, das Zwielicht des Tages von jenem der Nacht zu unterscheiden. Nie strahlend hell, doch auch niemals gänzlich dunkel, kleidete es unsere Hälfte der Welt mal in goldenen Dunst, mal in grauen Nebel.
Die Krieger führten mich durch eine Menschenmenge. Ihre Masse zu sehen, war nicht weniger überwältigend, als sie zu hören und ihren Gestank wahrzunehmen. Beides überwältigte noch immer meine Sinne. Ich sehnte mich nach der Ruhe und Abgeschiedenheit der Wälder. Wo das zarte Rascheln eines vorbeihuschenden Tieres das einzige Geräusch einer ganzen Schlafstunde sein konnte.
Auf der Mitte eines kreisrunden Platzes standen zwei steinerne Podeste. Darauf knieten meine Eltern. Die Arme so kurz angekettet, dass es ihnen gerade so möglich war, die Oberkörper aufzurichten.
Meine Mutter erblickte mich zuerst. Tränen schimmerten in ihren Augen, doch keine davon schaffte es auszubrechen. Dann fanden mich die meines Vaters, und eine eigentümliche Ruhe legte sich über seinen Körper. Ich sah, wie seine Schultern sich entspannten.
Viel zu weit entfernt wurde ich grob an der Schulter gepackt und zum Anhalten gezwungen, während ein in Gold gehüllter Priester aus der Menge trat.
»Wir sind heute zusammengekommen, um über die Seelen zweier Verräter an der heiligen Sonne zu richten. Sie versteckten ein von der Nacht gezeichnetes Kind über sechzehn Jahre in den Wäldern. Entzogen es den schützenden Armen unserer Heiligkeit.« Mit ausgebreiteten Armen wandte er sich den Podesten zu. »Habt Ihr etwas vorzutragen, das Eure Schuld mindern könnte?«
Meine Eltern schwiegen. Doch kurz bevor der Priester erneut zu sprechen begann, richtete meine Mutter den Blick auf die umstehenden Menschen. »Womöglich könntet ihr alle anfangen zu sehen, wenn eure Sicht nicht verblendet wäre von leeren Versprechen und einem toten Glauben.«
Der Anklagende räusperte sich umständlich. »Nun, Ihr entscheidet Euch also dazu, Eure Worte zu nutzen, um Euren Verrat zu bestärken. So sei es.« Mit weit zurückgelegtem Kopf blickte er in das trübe Gold über uns. Schien etwas sehen zu wollen, das doch seit so vielen Jahren niemand mehr erblickt hatte. »Das Urteil ist gefallen. Eure Seelen werden in Feuer vergehen, auf dass Ihr Erleuchtung in den Armen der heiligen Sonne findet.«
Bittere Säure kämpfte sich meine Kehle empor. Legte sich als ätzender Speichel über meinen Gaumen.
Nein. Ich musste etwas unternehmen. Irgendetwas.
Ein Geruch durchdrang meine Gedanken. Überdeckte für den Augenblick sogar den beißenden Gestank der Stadt. Der Geschmack meiner Heimat tränkte den Moment. Doch nichts Tröstliches lag darin.
Mein Kopf ruckte nach oben. Ich blickte zu meinen Eltern. Klebrig und dick tropfte das Harz von ihrer Kleidung.
Hektisch blinzelnd sah ich zwischen den beiden hin und her. Versuchte zu denken. Mich an die Lektionen zu erinnern. Ruhe in mein Herz zu zwingen. Und scheiterte.
Leises Summen drang an meine Ohren. Meine Mutter summte. Das Lied, welches mich immer beruhigt hatte. Doch bevor ich reagieren konnte, traten zwei Milites vor. Je eine geöffnete Laterne in den Händen.
Die Kleidung meines Vaters fing zuerst Feuer. Gierig fraßen sich die Flammen durch das Leder. Doch es war der Aufschrei meiner Mutter, der die Welt splittern ließ. Schmerz und Qualen rollten mit ihrer Stimme über mich hinweg. Tilgten die Melodie meiner Kindheit aus meinen Gedanken.
Etwas zerbrach. Tief in mir. Ich hörte es knacken und brechen wie morsche Zweige. Als würden die Flammen nicht die Körper meiner Eltern zerfressen, sondern mich. Ich biss mir in den Arm. Schmeckte Blut. Der Schmerz klärte meinen Geist.
Ein Blick nach links. Und ich fand, was ich suchte. Ich hatte sie nicht retten können. Doch etwas konnte ich tun. Meine Eltern würden nicht zur Belustigung dieses Abschaums leiden. Ein weiterer Schrei und ich nutzte den Moment. Die ekelerregende Faszination, die alle Blicke auf die sterbenden Leiber heftete.
Der Krieger wehrte sich kaum. War zu überrascht, als ich ihn anrempelte und den Bogen von seiner Schulter zog. Zwei Pfeile fanden ihren Weg in meine Finger.
Spannen. Schießen.
Zwei Schüsse.
Zwei Herzen, die ihren letzten Takt schlugen.
Die Schreie erstarben. Totengleiche Stille legte sich über den Platz, während eine einzelne Träne über meine Wange rann und die Worte meiner Mutter in mir widerhallten.
Bei deiner Geburt schwor ich, dass meine wunderschöne Tochter niemals im Inneren dieser verdorbenen Mauern weinen würde. Der Stein dieses Gebäudes blutet Schmerz und Leid, doch deiner wird niemals dazugehören, Arivey.
Meiner wird niemals dazugehören. Energisch wischte ich den Beweis meiner sterbenden Seele von meiner Haut. Ich würde den Wunsch meiner Mutter nicht enttäuschen.
Kapitel 2 - Koa
Wen die Nacht erwählt
8 Jahre zuvor
Ein Zittern kräuselte die Oberfläche des Spiegels, verwischte meine Konturen für die Zeit eines Atemzuges. Nichts fühlte sich vollkommener an, als die Kleidung des Kronprinzen abzulegen und zu dem Krieger zu werden, der vor wenigen Mondphasen auserwählt worden war.
Ein schiefes Grinsen hob meine Mundwinkel, während ich nach dem schlanken Dolch griff, dessen blank polierte Klinge das hereinfallende Licht der Sterne spiegelte. Leises Flügelschlagen drang an meine Ohren und ich hob den Blick, als Enogds Schatten neben meiner rechten Schulter auftauchte. Ein letzter Handgriff und die schwarze, lederne Rüstung schmiegte sich an meinen Körper, als wäre sie mit ihm verwachsen.
»Steht dir«, piepste mein blutsaugender Begleiter. Ich fuhr mir durch das mitternachtsschwarze Haar und wandte mich zum Gehen. »Hast du etwas anderes erwartet?«
Wir verließen meine Gemächer durch die doppelflügelige, von silbernen Intarsien verzierte Ebenholztür. Der ebenmäßige, nachtblaue Steinboden, in dessen Mitte unzählige Sternenbilder eingebettet worden waren, veränderte sich mit jedem meiner Schritte. Das beständige Flattern der Fledermausflügel wurde leiser. Ich drehte mich um und hob eine Augenbraue. »Du siehst sie nicht zum ersten Mal.«
Enogd flog dicht über der Erde, die winzige Nase berührte beinahe das gleichmäßige Baumaterial. »Aber das macht sie nicht weniger schön. Siehst du, wie sich die Positionen der Bilder immer wieder verändern?« Aufregung wob sich unter das Fiepsen seiner Stimme. Ich unterdrückte ein aufkommendes Lachen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Gut, dann lasse ich dich hier und erzähle dir vielleicht von der Übungsstunde, wenn ich zurück bin.«
Pfeilschnell schloss mein Freund zu mir auf und murmelte Unverständliches vor sich hin, während wir die breite, schwebende Treppe hinab in die gewaltige Halle stiegen. Unwillkürlich versuchte ich, jedes Funkeln zu erfassen, das die ewige Dunkelheit zierte. Eine Dunkelheit, die wie Blut durch meine Adern floss. Die ich atmete wie Sauerstoff. Deren Schönheit von weit mehr Brutalität durchdrungen war, als diejenigen von uns wahrnahmen, die Stunde um Stunde zu den Göttern hinaufsahen und ihre Vollkommenheit ehrten.
Die Wachen neben dem von durchscheinenden Wolken erfüllten Eingangstor nahmen Haltung an. Sahen mich nicht an, als sie einstimmig die Begrüßung zitierten, die allein mir gehörte. »Eradas elvess, meine Dunkelheit.«
Ich hielt inne, musterte den maskenhaften Ausdruck des Mannes, bevor mein Blick zu der Frau auf der anderen Seite des Durchgangs glitt. Ein Zittern durchlief ihren angespannten Körper. Ich schnalzte unwirsch mit der Zunge. Sie war ein Frischling, kannte die Regeln, wusste sie aber noch nicht umzusetzen.
Mit langsamen Schritten näherte ich mich ihr, während ihr Kamerad noch immer keinen Muskel rührte. »Wie ist dein Name?« Kaum eine Armlänge von ihr entfernt blieb ich stehen. Enogd ließ sich zischend auf meiner Schulter nieder, entblößte seine spitzen Fangzähne. Der Biss einer Thîmfledermaus war schmerzhaft. Aber nicht tödlich, es sei denn, er verletzte eine Hauptschlagader. Doch nicht selten brachen auch Akrōnux zusammen und verfielen einem Wahn, der Stunden oder sogar Tage anhalten konnte.
»Siraja, meine Dunkelheit.« Ihre Antwort hallte in der Dämmerung wider, die es an den unzähligen blauen Feuern vorbei schaffte, die in Form von gewaltigen Laternen die Halle bevölkerten. Und sich entlang der glatten Mauern brach. Splitterte wie feines Glas, das zu meinen Füßen verging, seltenen Regentropfen gleich.
»Weshalb bist du hier?« Ich umrundete sie, bemerkte das Zucken ihrer Lider und das Beschleunigen ihrer Atmung. Ihre Finger umklammerten den aus Mondglanz geschmiedeten Speer fester, als wären sie imstande, sich in das silberne Material zu graben.
»Es war schon immer mein Wunsch, der königlichen Familie zu dienen, meine Dunkelheit.« Furcht vibrierte in ihren Worten, tauchte ihre Respektbekundung in den verseuchten Morast Eldîrs. Leise lachend verharrte ich erneut, umfing ihre Waffe und nahm sie an mich. Ließ die geschärfte Spitze entlang ihres rechten Beines nach oben gleiten. Hielt auf Höhe ihres Rippenbogens inne und sandte etwas Druck in die Bewegung meiner Hand.
Sie presste die Lippen zusammen und beging den zweiten Fehler, indem sie ihren Kopf senkte und mich für die Zeit eines Wimpernschlags ansah. Ich hob eine Braue und ein grausames Lächeln umspielte meinen Mund. »Verzeiht!«, presste sie hervor, doch ich führte die Schneide des Speers quälend langsam bis zu ihrem wild pochenden Puls. Dessen Schlag die dünne Haut ihres Halses zu durchbrechen versuchte.
»Ich fürchte, das kann ich nicht, Siraja.« Ein weiteres Mal übte ich Druck aus, zwang mein Gegenüber auf die Knie. Bebend verschränkte sie ihre Arme auf dem Rücken und beging den dritten Fehler, als sie den Tränen, die ihre bleichen Wangen benetzten, nicht Einhalt gebieten konnte. »Es wird nicht wieder vorkommen. Ich schwöre es Euch bei den Sternen!«
Ich presste die Zähne zusammen und meine Augen wurden schmal, was der knienden Wache ein Schluchzen entlockte. »Du wagst es in diesem Augenblick, die Götter über mich zu stellen?« Mit der Spitze hob ich ihr Kinn, zwang sie, mich erneut anzusehen. »Über deine Dunkelheit?«
Enogd öffnete fauchend die Flügel, wartete auf meinen Befehl. Doch bevor ich diesen erteilen konnte, vernahm ich Schritte hinter mir. »Natürlich tut sie das. Weil sie insgeheim weiß, dass du nicht mehr bist als ein verglühender Stern, ein Nichts im Vergleich zu mir, Koa Sephaer.«
Kälte flutete meine Adern und nun waren es meine Muskeln, die sich schmerzhaft verkrampften, während eine Gestalt neben mich trat und den Speer an sich nahm. Ein Klirren erklang, dann schlitterte die Waffe über den Boden davon.
»Steh auf.«
»Ja, meine Finsternis«, heuchelte Siraja, und ich schloss die Augen, schob die geballten Fäuste in die Taschen meiner dunklen Hose.
»Nun, wie ich sehe, hast du meinen Bruder verärgert. Kein allzu seltener Umstand und zugleich eine unverzeihliche Schwäche, wenn man die Krone für sich beanspruchen will.« Ilmarës süffisantes Lächeln umspielte ihre Worte wie schwerer Nebel. Sickerte ebenso giftig in den Geist unseres Gegenübers.
Wir beherrschten beide das Spiel um Macht und Einfluss. Eines das uns seit dem Tag unserer Geburt begleitete. Mich zu ihrem Rivalen machte und sie zu meiner größten Herausforderung. Und nur einer von uns würde das hungrigste aller Monster überleben: den Kampf um den Thron Askireîs.
»Ich hatte nicht vor, sie zu verschonen«, antwortete ich drohend leise, und meine Schwester straffte die Schultern, versuchte, den Größenunterschied zwischen uns zu überbrücken. Ich beugte mich zu ihr hinab, bis mein Mund auf Höhe ihres Ohres war. »Vielleicht lässt du das in deiner flammenden Rede, mit der du den König später langweilen wirst, besser aus, Prinzessin.« Ihr Schnauben folgte mir, doch ich wartete ihre spitzzüngige Erwiderung nicht ab, sondern wies die Wache an, die Torflügel zu öffnen, und trat hinaus in das Blaugrau der frühen Nacht.
Der Platz, der sich vor dem Palast kaskadenartig in die Tiefe stürzte, wurde von Nebelhölzern flankiert. Ihre verzweigten Kronen stiegen zum Firmament empor, um sich beim kleinsten Windhauch ächzend gen Erde zu recken. Klagend huschten die Böen des Nordwindes durch schwarzbelaubtes Astwerk. Entlockten ihnen ein eindringliches Wispern, das häufig junge Dunkelalben ihr gerade erst begonnenes Leben kostete.
Ich näherte mich einem der gewaltigen Bäume, und Enogd grub seine kleinen Krallen in das knarzende Leder nahe meinem Hals. »Was bei den verdorbenen Seelen tust du, Koa?« Mein erhobener Zeigefinger brachte ihn zum Schweigen, als ich darauf wartete, dass einer der filigranen Zweige meine Witterung aufnahm.
Seine von giftigen Dornen überzogenen Ausläufer glitten über den steinernen Untergrund. Tastend, lauernd. Mein Begleiter unterdrückte ein Fiepen, während das Gehölz meine Stiefel umfing. Meine Beine befühlte und auf Höhe meiner Hüfte Kreise zu ziehen begann. Ich verlangsamte meine Atmung, verbot dem Zittern, von mir Besitz zu ergreifen, und wartete.
Der Ast hielt inne, zögerte, und das Raunen schwoll an, verlieh den konturlosen Worten einen zornigen Klang. »Koa!«, quietschte Enogd und schlug mit den Flügeln. Doch ich bewegte mich nicht, schwieg und konzentrierte mich allein auf den Moment, wusste, was folgen würde.
Ein Schmunzeln hob meine Mundwinkel, als der dichte, anthrazitfarbene Nebel aus der Krone tropfte. Kaum einen Atemzug später hatte er meine Gestalt erreicht und fraß sich ebenso an meinem Körper hinauf, wie das Holz, zu dem er gehörte. Meine Finger tasteten nach dem Dolch, der verborgen in meinem rechten Ärmel steckte.
Das Heben und Senken meines Brustkorbes wurde schwächer, Schwindel erfasste mich.
Bleib standhaft.
Die Fledermaus ergriff die Flucht.
Ertrage es.
Der Wind schwieg, überließ dem in Dunstschleiern gekleideten Tod das Feld.
Er beugt sich deinem Willen.
Ich schloss die Augen, als raue Splitter meinen Nacken streiften.
»Genug!« Der Befehl zerriss meine selbst gewählte Finsternis, durchdrang sie wie gleißendes Sonnenlicht. Ein Kreischen erklang, gefolgt von einem markerschütternden Knacken. Ich öffnete die Lider. Der Nebel hatte sich zurückgezogen, und zu meinen Füßen lagen die Überreste des Astes, der sich in einem grotesken Todeskampf wand. Blut, dick und schwarz wie Onyx, sickerte aus dem Stumpf, der einem Arm nicht unähnlich war.
»Was hast du dir dabei gedacht, Krieger?« Ich hob den Blick und fand die zornfunkelnden Augen meines Mentors, der schwer atmend das mondlichtgetränkte Kurzschwert zurück in die Halterung an seinem Gürtel steckte. »Wenn du so dringend den Wunsch zu sterben verspürst, warte, bis der Mond erneut sein Gesicht verbirgt. Ich bin sicher, einem Hitzkopf wie dir wird Eldîr das Fürchten lehren. Und solltest du dennoch lebend zurückkehren, lasse ich dich gerne von einem dieser Dämonen zerfleischen.« Er nickte in Richtung der Nebelhölzer und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich richtete meinen Kragen und hob das Kinn. »Ich fürchte mich nicht. Wer der Angst nachgibt, verliert mehr als seine verfluchte Seele.« Einen kurzen Augenblick sah es so aus, als wollte mein Gegenüber mich erneut maßregeln, doch dann verdrängte ein Grinsen die Wut aus seinem bärtigen Gesicht. »Und genau aus diesem Grund haben die Sterne dich erwählt und werden es heute ein weiteres Mal tun.« Er drehte sich um und verließ den Platz über einen steil abfallenden Seitenweg. Wortlos folgte ich ihm. Der Stolz in meinem Inneren, ein leuchtendes Inferno, das selbst mein scheinbares Versagen vor wenigen Herzschlägen nicht zu löschen vermochte.
Die von lichtverzehrenden Adern durchzogenen Steine reihten sich aneinander, wenngleich ihre Form willkürlich erschien, ebenso wie der Pfad, dem wir folgten.
Zwischen tiefhängenden Wolken eingebettet, mussten wir unsere Schritte achtsam setzen, denn die Berge aus trügerischer Sanftheit würden nicht einmal Enogd tragen. Sich in den Weiten des Himmels zu verlieren, war vermutlich ein ähnlich grausamer Tod, wie ihn bereits unzählige Akrōnux in den finsteren Fängen Aradraz gefunden hatten.
»Ist er zurückgebracht worden?«, fragte ich in die von stetigem Raunen durchzogene Stille. »Nein, nicht nur sein Leben, auch seine Seele sind für immer verloren.« Die Antwort meines Mentors beschleunigte meinen Puls. Wenn ein Jäger oder eine Jägerin zum Ende der gesichtslosen Mondnacht nicht wiederkehrte, war der Hunger der Gefallenen gestillt worden. Jedenfalls für eine unbedeutende Weile.
Der Verlust eines Auserwählten war jedoch der Aufstieg eines anderen, und in diesem Fall ermöglichte Raices Ableben meinen Triumph. Schlitternd nahm ich das letzte Wegstück, überquerte einen der wenigen Bachläufe und fand mich am Eingang des Meirem D’al wieder. Ein schmuckloses, gewaltiges Gebäude, dessen Säulen sich klauenartig öffneten und den Blick auf den Nachthimmel freigaben. Die meisten Häuser Askireîs hatten keine Dächer, da die Wolken zu unseren Füßen lagen, fanden die Regenschauer nur selten ihren Weg in die für sie ungewohnte Richtung: nach oben.
Mein Mentor drückte meine Schulter und lehnte sich zu mir, während wir das Eingangstor durchschritten. »Erweise dich als würdig.«
Ich stieß einen verächtlichen Laut aus. »Nichts anderes habe ich vor.« Er ließ mich nahe einer breiten Treppe zurück, auf der bereits vereinzelte Gestalten saßen, und verschwand zwischen den Anwesenden und ihren Familien. An einen der massiven Pfeiler gelehnt, verschränkte ich die Arme vor der Brust und lauschte den gedämpften Unterhaltungen.
Die Ka’elar hoben sich so deutlich von den übrigen Dunkelalben ab, wie Mitternachtsschwärze von Frostblau. Die schwarze, lederverstärkte Kleidung wurde von schwach schimmernden silbernen Intarsien aufgebrochen. Blut und Schweiß befleckten Haut und Haare, doch der offensichtlichste Unterschied war der Ausdruck ihrer Augen. Ein Funkeln, so dunkel wie die Nacht selbst, zeichnete ihre Iriden. Verriet ihre gefährlichste Waffe für diejenigen, die zu sehen vermochten: Blutdurst. Der Wunsch nach Rache und Vergeltung, untermalt von tiefschwarzer Mordlust.
»Bewunderung sieht man in deinem Gesicht nicht oft, Sephaer.« Ich spürte Lioras Anwesenheit, bevor ihre geflüsterten Worte meine Sinne erreichten. »Dann solltest du genauer hinsehen, Ashirae.« Sie trat an meine rechte Seite, in ihren Händen ein stetig rotierender Dolch. Das dunkle Haar kunstvoll zusammengebunden und das Leder ihrer Kleidung makellos, wirkte sie nicht wie eine der talentiertesten Kämpferinnen, sondern wie eine Trophäe, die sich einige Jäger mit in ihr Bett nahmen.
»Starr nicht so, sonst denkt man noch, du würdest mich auserwählen.« Belustigung schwang in ihrer Stimme mit, die ich mit einem schiefen Grinsen quittierte.
»Würde dir einige Bewunderer vom Hals halten.«
Die Rotation der Klinge verklang und azurblaue Augen musterten mich. »Nicht doch, Prinzchen, bring mich nicht auf Ideen, die du später bereuen würdest.« Sie zwinkerte mir zu, kraulte Enogd die pelzige Brust und schlenderte zu einer der unteren Stufen hinüber, auf der sie sich niederließ.
»Ich mag sie«, vernahm ich die piepsende Klangfarbe meines Begleiters nah an meinem Ohr. Ich setzte zu einer Erwiderung an, als sich eine der verborgenen Türen in der Mitte des Saals öffnete und ehrfürchtiges Wispern den Raum flutete. Drei Gestalten erfüllten die aufgeregte Stille mit einer scheinbar götterähnlichen Präsenz. Und nur zweien von ihnen traute ich.
Akash trat auf das Podest zu, das sich schwebend auf die Gesandten zubewegt hatte. Ein kaum wahrnehmbares Sirren ging von ihm aus, als würde ein Insektenschwarm, eingeschlossen zwischen Stein und Sternenstaub, verharren. Sein Blick fand den meinen, ehe er die Anwesenden betrachtete und Platz für Ilmarë und den dritten der Auserwählten machte.
Mein blutsaugender Freund richtete sich auf und ich wusste, dass Stolz in diesem Moment seinen kleinen Körper erfüllte. Artimes war einer seines Volkes. Ein Nebelkauz mit grau-blauem Gefieder und stechenden Augen, die, so sagte man, bis auf den Grund einer jeden Seele hinabblicken konnten.
Ich ignorierte Lioras Zeichen, mich neben sie zu setzen, und blieb als Einziger neben den Sterngesandten stehen, während Akash zu sprechen anhob. »Eine weitere Jagd im Schatten des Mondes ist vergangen. Und wenngleich es erneut gelungen ist, zwei Splitter zurückzuerobern, haben Raice und Laidyn ihre Schicksale angenommen. Ihr Herzschlag ist nun eins mit den Weiten des Himmels.« Ein weiteres Mal sah er mich an. »Diese vergänglichen Stunden sind gleichzeitig der Triumph ihrer Krieger. Sie werden, wenn die Götter ihnen gnädig sind, auserwählt zu jagen, was niemals in die Hände der Menschen hätte fallen dürfen.« Er schluckte und runzelte nachdenklich die Stirn, als ein Räuspern erklang.
»Liora Ashirae und Koa Sephaer, tretet vor.« Artimes umkreiste das Podest und verharrte flügelschlagend in seiner unmittelbaren Nähe. Gemeinsam erklommen wir die knisternde Estrade. Sie geriet nicht aus dem Gleichgewicht, neigte sich nicht dem Boden entgegen. Liora hielt noch immer die Hände hinter ihrem Rücken überkreuzt und auch ich löste die Verschränkung meiner Arme nicht. Musterte den Gesandten, der mir gegenüberstand, und glaubte, einen Funken von Schmerz in seinen saphirblauen Iriden aufglimmen zu sehen, bevor er zu Asche verbrannte.
Beide Ka’elar auf einmal zu verlieren, war selten. Als Einheit sollten sie einander schützen, und war absehbar, dass einer nicht zurückkehren würde, war es umso mehr die Pflicht des anderen, Eldîr zu verlassen.
Leise flatternd entfernte sich Enogd von seinem angestammten Platz auf meiner Schulter und verschwand in den tiefen Schatten der Säulen. Artimes’ Flügel streifte zuerst Lioras Wange, dann die meine. »Luminos, ich erbitte dich um die Kraft des Sehens. Soll alles verblassen, was in deinen Schatten fällt.« Eine Erschütterung, gefolgt von pulsierendem Leuchten, zerriss die Stille. Leises Keuchen drang von den Zuschauenden an meine Ohren und ich biss die Zähne zusammen, als meine Schwester die Hände nach uns ausstreckte.
Meine Begleiterin sank auf ein Knie und mein Blick trug einen stillen Kampf mit Ilmarës vor Zorn verengten Augen aus. Ich blieb, wo ich war, neigte kaum sichtbar den Kopf. Die spitzen Nägel der linken Hand meiner Schwester gruben sich in mein Kinn, während ihre rechten Finger beinah behutsam Lioras anhoben. »Brillar, ich erbitte dich um die Kraft des Todes. Soll alles vergehen, was von deiner Schönheit berührt wird.« Verächtlich schnaubend löste sie sich von mir und ich unterdrückte das Brennen meiner Haut mit einem düsteren Grinsen. Die darauffolgende Erschütterung brach die Erde auf. Rauchgraue Schwaden füllten die Narben, die Brillars Macht hinterlassen hatte. Färbten den einst glatten Stein mit den Zeichen des Verfalls.
Ich spürte das Zittern, das durch die angespannten Muskeln meiner Begleiterin wallte, sah, wie sie dagegen ankämpfte und die Kiefer zusammenpresste. Taubheit erfüllte meinen Körper. Ein lähmendes Gefühl ergriff von mir Besitz, gegen das ich anzuschlucken versuchte, als Akash als Letzter unsere Gesichter berührte, bevor seine Hände über dem Puls auf Höhe unserer Hälse zum Erliegen kamen.
Er atmete tief ein und aus, bevor er zu sprechen anhob. »Fiah, ich erbitte dich um die Kraft des Bewahrens. Soll alles zurückkehren, was sich deiner würdig erweist.« Der dritte Gesandte ließ uns nicht los. Als wollte er Liora und mir versichern, dass er über uns wachen konnte, fähig war, uns zu beschützen.
Auf das Beben folgte ein Sturm. Donner grollte und blaugrau färbte sich mitternachtsschwarz. Allumfassender Schmerz fraß sich in meine Zellen, schien mich von innen heraus verbrennen zu wollen, dafür, dass ich Anspruch auf den Titel des Jägers erhob. Ich versuchte, mich auf Akashs Gestalt zu konzentrieren, las von seinen Lippen die Worte: »Halte durch«, da das Kreischen jedes andere Geräusch binnen Sekunden vernichtete. Unter den schmerzerfüllten Laut mischte sich der dröhnende Klagegesang unzähliger Stimmen.
Keuchend beugte ich mich nach vorn, schmeckte Blut und unterdrückte den Drang, mir die Hände auf die Ohren zu schlagen, wissend, dass die Stimmen nur in meinem Kopf existierten. Es war ihre Prüfung. Die Nacht vor Jahrzehnten, in der die Menschen einen der ihren stahlen. Das Leid der Sterne schien unendlich. Ihre Qualen wurden zu den meinen. Das Reißen an meinen Gliedmaßen ließ Übelkeit meine Kehle hinaufsteigen. Wie Gift brannte sie in meinem Hals und ich würgte, sah verschwommen, wie Ilmarë Akash von uns fortzog, als das Podest zu glühen begann. Und unter die Schreie mischte sich Lioras Stimme, so leise, dass ich sie kaum verstand. »Bitte, ich … ich sehe es. Bitte …«
Taumelnd versuchte ich, das Gleichgewicht zu halten, doch die nächste Welle des Leids, das die Götter erduldet hatten, zwang mich auf ein Knie. Die Finger in meinen Haaren vergraben, entkam ein Grollen meinen aufgebissenen Lippen. »Du musst es zulassen, Kronprinz!« Artimes’ Zwitschern durchdrang das markerschütternde Kreischen. Ich wand mich unter einer weiteren Erschütterung, die kurz davor war, meine Knochen zu zerbrechen, als wären sie kaum mehr als zarte Zweige inmitten eines Orkans.
Blinzelnd erkannte ich weitere Blutstropfen, die aus meinem Mund auf die Erde fielen, versickerten, als wären sie imstande, Leben zu spenden. Mein anderes Knie sank zu Boden, doch ich hielt meinen Oberkörper aufrecht, legte den Kopf in den Nacken. Und als sich alles in weißem Nebel aufzulösen begann, verließen gewisperte Worte meine Kehle. »Ihr habt eure Klinge gewählt.« Leuchtende Linien gruben den Befehl in meine Haut. Zeichneten meine Unterarme mit fallenden Sternen. Ich öffnete die Hände gen Himmel und schloss die Augen.
»Mirîth keilar. Ich werde euch rächen.«
Kapitel 3 - Arivey
Wo Motten fliegen und brennen
6 Jahre zuvor
Das leise Schaben meines Nagels über Stein war das einzige Geräusch, während die Dämmerung ihr goldenes Leuchten ausblutete und lediglich konturloses Grau zurückließ. Die Schreie waren verstummt, auch wenn ihr Echo noch immer in meinen Ohren widerhallte. Als habe der Stein inzwischen so viele von ihnen vernommen, dass sie beständig aus ihm hervordrangen.
Ihre Zeit begann und unsere wurde angehalten. Ironisch, dass ausgerechnet der Grund für unser aller Gefangenschaft das war, was uns atmen ließ. Die meisten anderen nutzten die Zeit, um zu schlafen. Sie waren einfach nur hier, weil die Natur sich einen schlimmen Scherz mit ihnen erlaubt hatte. Ihnen die Augen der Nacht gab, obwohl diese sie nie berührt hatte. Ich konnte den Unterschied sehen. Zwischen jenen, die ebenso wie ich gegen ihr Innerstes ankämpfen mussten, und jenen, die in dieser einen Dunkelheit so etwas wie friedvollen Schlaf fanden. Wenngleich es wohl mehr eine erlösende Ohnmacht war.
Das Zwielicht der Jagd war dunkler als üblich. Ob es am Fall der Sterne lag oder die Jäger sich lediglich die dunkelsten Stunden aussuchten, um uns zu holen, wusste ich nicht. Es war auch nicht von Belang.
Bereits zum 48. Mal würde ich sie nicht sehen können. Das Fenster des Käfigs lag zu hoch, um es zu erreichen, und seit ich hier war, war keiner von ihnen in mein schmales Sichtfeld gedrungen. Doch ich spürte sie. Wie bereits mein gesamtes Leben. Und dennoch traf die Wucht der Sehnsucht nach etwas, das ich noch niemals aus der Nähe gesehen hatte, mich jedes Mal unvorbereitet. Es bestand keine Gefahr mehr, dass ich dem Drängen nachgeben könnte. Es gab keinen Ausweg aus diesem Gefängnis. Zumindest bisher …
Denn dieser Umstand würde sich bald ändern.
Zufrieden betrachtete ich den spitz gefeilten Daumennagel, den ich seit Monaten sorgsam in meiner Faust verborgen hielt, wann immer sie mich holten. Ich hatte viele Versuche gebraucht. Hatte ihn durch Unachtsamkeit abgebrochen oder die mangelnde Nahrung hatte ihn zu weich werden lassen.
Ein Fiepsen erregte meine Aufmerksamkeit.
Die Brotkrumen, welche ich wie jeden Tag in der Ecke meiner Zelle verstreute, hatten Besucher angelockt. Unglückselige Besucher, auch wenn ihnen dies nicht bewusst war. Zwei Mäuse machten sich über die Krümel her. Ahnungslos, dass sie diese Mahlzeit mit ihren Leben bezahlen würden.
Leichtfüßig erhob ich mich, griff nach dem fadenscheinigen Tuch neben mir und näherte mich ihnen. Noch bevor sie wussten, wie ihnen geschah, bedeckte ich sie mit dem Stoff, griff zu und brach ihnen nacheinander das Genick. Mit geübten Bewegungen löste ich die Haut von dem wenigen Fleisch und öffnete mit dem Daumennagel ihre Bäuche, um die Innereien zu entnehmen. Wenngleich ich einige davon ebenfalls essen konnte, so könnten andere Krankheiten übertragen oder mir den Magen verderben. Beides konnte ich nicht riskieren. Das rohe Fleisch war nicht schmackhaft, doch es stärkte den Körper weitaus besser als das trockene Brot und die wässrige Suppe, welche für gewöhnlich das Mahl jener hier Eingesperrten bildeten.
Die Abfälle verbarg ich im Eimer mit den Exkrementen. Sie wurden nicht täglich geleert und die wenigen Male, die ein Sonnenvergifteter sich ihrer annahm, bestand keine Gefahr, dass er so genau hinsah, um zu bemerken, dass sich Fellreste und Knochen darin befanden.
Bevor ich mich erneut in die Mitte des Käfigs begab, streute ich neue Krümel des letzten Brotkantens aus. Die karge Mahlzeit hatte das hungrige Ziehen in meinem Magen ein wenig besänftigt, doch das Sehnen konnte es nicht mildern. Es befiel meine Glieder, zerrte an mir.
Ich schlang das Tuch um einen der Gitterstäbe, wickelte es um beide Hände und lehnte mich zurück. Den linken Arm gestreckt, den rechten dicht an meine Wange gezogen, ahmte ich die Bewegung eines gespannten Bogens nach. Ersetzte mit meinem schwindenden Gewicht den Widerstand der Sehne. Es war kaum zu vergleichen, doch ich konnte nicht riskieren, meine Muskulatur zu verlieren.
Das wichtigste Werkzeug eines Jägers ist sein Körper, Arivey. Wenn du zu schwach bist, deine Waffen zu führen, nützen dir die schärfsten Klingen und Pfeilspitzen nichts.
Die Stimme meines Vaters war ein verblassendes Echo in meinen Erinnerungen. Hatte er überhaupt so geklungen?
Das Brennen in meinen Muskeln setzte langsam ein. Vertrieb den Geist der Vergangenheit ebenso wie den Drang, dem Ruf der Sterne zu folgen. Einzig der Schmerz blieb.
Nicht bewegen.
Immer und immer wieder hallte dieselbe tonlose Anweisung durch meinen Geist. Bildete ein Mantra, welches ich nicht brechen durfte. Zu lange hatte ich daran gearbeitet, ihre Vorsicht zu untergraben.
Heute war der Tag.
Heute würde ich diesen Mauern entfliehen und auf meinem Weg so viele dieser Kreaturen auslöschen, die sich unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit verbargen, wie ich nur konnte. Würde meine Eltern rächen und so lange wiederkehren, bis keiner der Männer mehr übrig war, die sich zu Göttern erhoben hatten und über Leben und Tod entschieden.
Die Tür zu dem schmalen Flur vor den Käfigen wurde geöffnet und vier Milites traten ein. Mit den sperrigen Lederplatten an den Schultern, die augenscheinlich keinem Zweck dienlich waren, außer die optische Größe der Männer zu erhöhen, mussten sie hintereinander gehen.
Mein Körper lag auf der Seite. Als sie nahe genug waren, verbot ich mir zu blinzeln. Starrte leer an die gegenüberliegende Wand. Atmete so flach, dass unter dem weiten Leinenhemd keine Bewegung meines Brustkorbes auszumachen war.
»He!« Der Erste in der Reihe war vor meinem Gitter angelangt. Schlug mit einem lauten Scheppern seinen Schwertgriff gegen das Metall.
Kein Muskel meines Körpers reagierte. Meine Augen brannten. Sehnten sich nach dem erlösenden Blinzeln. Meine Lunge schrie nach mehr Luft, doch ich gestand sie ihr nicht zu. Nur noch ein wenig. Ich hatte jede Gelegenheit der vergangenen Jahre genutzt, um ihr Vorgehen zu beobachten. Es war immer dasselbe. Gleich würde es so weit sein …
»Du bist an der Reihe.«
»Sicher nicht. Ich hab den Letzten schon entsorgt.«
»Und du verlierst jedes einzelne Mal bei den Wetten.«
Tränen traten in meine erstarrten Augen. Sammelten sich zu kleinen Seen, doch sie liefen nicht über. Trübten lediglich meine Sicht. Sie würden noch eine Weile darüber debattieren, wer den toten Körper nach draußen bringen sollte, dann würden zwei der vier den Flur verlassen, um die Priester darüber in Kenntnis zu setzen, dass die Reinigung heute nicht stattfinden würde, da die verseuchte Seele nicht länger in den Mauern weilte.
Mehr und mehr spürte ich, wie mein Herzschlag sich verlangsamte. Ich würde bald mehr Atem schöpfen müssen, ansonsten könnte ich das Bewusstsein verlieren und das würde mich verraten. Doch endlich erklangen Schritte. Wer den Schlagabtausch gewonnen hatte, war an mir vorübergezogen, doch es war auch nicht von Belang. Ein jeder von ihnen hatte es verdient zu sterben. Es war lediglich eine Frage von Zeit und Zufall, wen es zuerst treffen würde.
Das vertraute Quietschen der Gittertür erklang. Stiefel schabten über den unebenen Stein. Eine Silhouette trat in mein Sichtfeld. Kniete sich vor mein Gesicht. Schwielige Finger umfassten mein Kinn, gruben sich in die Haut und drehten mein Gesicht. Versanken für einen Augenblick im Blau meiner Augen. Bevor der Krieger sich blinzelnd losriss und über die Schulter zu seinem Kameraden blickte. Nicht wissend, dass er damit sein Todesurteil verkündete.
Ich füllte meine Lunge mit einem tiefen Atemzug und stemmte mich im selben Moment hoch. Der spitz gefeilte Nagel meines Daumens fand sein Ziel. Drang tief in die Halsschlagader des Mannes ein und splitterte. Damit hatte ich gerechnet. Warm ergoss sich das Blut über meine Finger und er presste eine Hand auf die Wunde. Doch bevor er nach seinem Schwert greifen konnte, lagen meine Finger um den schweren Griff. Lösten es aus seiner Halterung und beendeten, was mein Nagel begonnen hatte. Der Sonnenvergiftete brach röchelnd zusammen. Was er seinem Kameraden hatte mitteilen wollen, blieb für immer ungesagt.
Dieser blinzelte ungläubig. Als könne er nicht verarbeiten, was er sah.
Ich kam auf die Beine. Schwindel ergriff von mir Besitz. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen.
Mein Gegner nutzte den Moment, um die Situation einzuschätzen. Er trat mit dem Schwert auf mich zu und führte den ersten Schlag. Ich parierte, doch die Wucht seines Angriffes ließ meine Arme zittern. Die Zeit im Käfig hatte meine Muskeln schwinden lassen. Wut über diese Schwäche verschleierte meine Sicht. Trübte für einen Moment meinen Geist. Nur vage nahm ich das Aufblitzen der Klinge wahr und wich aus. Dennoch streifte mich der Stahl und hinterließ einen pulsierenden Schnitt in meiner Schulter. Der Schmerz brannte sich durch meine Zellen. Klärte meine Gedanken.
Ich war nicht geübt im Schwertkampf. Zu klobig und schwer waren die Waffen. Absolut ungeeignet für die Jagd. Einzig gut, um Menschen abzuschlachten, die in unmittelbarer Nähe befindlich waren. Doch im Stiefel des Milites blitzte etwas auf, das nach mir rief. Mit einer schnellen Bewegung warf ich ihm die viel zu unhandliche Klinge entgegen und ließ mich auf die Knie fallen. Überrumpelt und aus purem Reflex handelnd, griff er nach der Schneide, um sie aufzufangen, während ich den Dolch aus der Beinhalterung zog.
Sein Schmerzensschrei, als das Schwert seines toten Kameraden in seine Finger schnitt, verschmolz mit dem schabenden Geräusch des Steinbodens, als ich mich, noch immer auf Knien, drehte und hinter ihm erneut auf die Beine kam. Sein Dolch drang durch die schmale Lücke zwischen Schulterblatt, Wirbelsäule und Rippenbögen. Direkt in sein Herz. Im Grunde unterschied uns doch erstaunlich wenig von Tieren. Unser Knochengerüst glich jenem eines Hirsches ebenso wie dem eines Jaguars. Kannte man das eine, konnte man das andere ebenso mit der Klinge umgehen.
»Nimm mich mit.« Das zarte Hauchen drang aus einer der Zellen gegenüber. Es stammte von einem jener Gefangenen, die von der Nacht berührt worden waren. Dicke Narben zeichneten sein Gesicht, welches er sich bei jedem Fall der Sterne blutig kratzte, da die Qualen, ihrem Ruf nachgeben zu wollen, unerträglich für ihn wurden.
»Wozu? Hier drin oder dort draußen spielt keine Rolle für dich. Du bist tot.« Ich zog den Dolch aus dem Rücken des Kriegers und nahm auch jenen seines Kameraden an mich, bevor ich ohne einen Blick zurück den Käfig und den Flur hinter mir ließ.
Der erste Gang war verwaist. Lediglich blanker Stein und der hohle Widerhall meiner eigenen Schritte empfingen mich. Das diffuse, goldene Zwielicht des Tages war hier deutlicher wahrzunehmen. Die Fenster größer. Doch es änderte nichts an der bedrückenden Stille, die sogar noch schlimmer war als die beständigen Klagelaute. Erinnerten an den Augenblick, in dem ein Körper während der Reinigung versagte und die Schreie abrupt abbrachen. Eine weitere Seele für immer schwieg.
Stimmen drangen durch die kalte Einsamkeit. Aufgebrachte Stimmen. Ich kannte ihren Klang. Sie gehörten zu jenen beiden Priestern, die meine Reinigungen stets durchführten. Offenbar missfiel ihnen der Gedanke, heute niemanden foltern zu dürfen. Ich würde sie von diesem Leid erlösen.
Auf Zehenspitzen folgte ich ihren wütenden Worten. Sank hinter einer Ecke auf die Knie und spähte vorsichtig auf die andere Seite. Die beiden Wachen von den Käfigen standen dort. Ließen das zornige Brodeln der in Gold gehüllten Gestalten über sich ergehen, wie Kinder, die von ihren Eltern gescholten wurden. Erbärmlich. Weshalb sollte ein Berglöwe sich von einer Ziege ausschimpfen lassen?
Mit einem tiefen Atemzug richtete ich mich erneut auf. Kein Geräusch verriet meine Anwesenheit. Zwei Gegner und zwei Opfer. Keine Herausforderung. Doch ich musste schnell sein, um ihnen eine Flucht zu verwehren.
Gemächlich ließ ich die Klinge eines Dolches über den Stein kratzen. Erregte ihre Aufmerksamkeit.
»Wer ist da?« Die Stimme des Priesters überschlug sich. Ganz ähnlich dem Moment, wenn er die Reinigung begann und die Vorfreude ihn übermannte, doch diesmal war sie erfüllt von Zweifel. Womöglich konnten Menschen es ebenso wahrnehmen wie Tiere, wenn sich ihnen ein Jäger näherte.
»Du, sieh nach.«
Schritte von schweren Stiefeln näherten sich der Ecke. Ich ging in die Hocke. Einer der größten Fehler, wenn man nach Beute Ausschau hielt, war, lediglich dorthin zu sehen, wo man sie vermutete.
Der Milites trat aus dem Gang in meinen, und als er meine Bewegung unter sich wahrnahm, war es bereits zu spät. Die Dolche fanden mühelos einen Weg durch die Lederplatten, die an seinen Flanken zu dünn und schwach ausgearbeitet waren. Einer traf eine Rippe und sandte ein Zittern durch meinen Arm, doch der andere glitt bis zum Heft in das Fleisch des Mannes. Noch einen Moment blinzelte er fassungslos, bevor er in die Knie ging und vornüberfiel.
Ohne zu zögern trat ich aus meiner Deckung und fand mich dem zweiten Kämpfer gegenüber. Offenbar hatte er seinem Kumpan zu Hilfe eilen wollen. Auf meinen Angriff vorbereitet, hatte er sein Schwert bereits gezogen. Den ersten Schlag parierte ich mit gekreuzten Klingen. Er kämpfte besser als die anderen. Seine Bewegungen waren geschmeidiger. Seine tiefbraunen Augen fanden meine. Sie waren unergründlich. Verrieten kein Gefühl. Als wäre das Leben bereits aus ihm gewichen. Die gerade Nase und die nobel geschwungenen Brauen erinnerten mich an jemanden …
Hastig wich ich einen Schritt zurück. Brachte mich außer Reichweite seines Schwertes und entledigte mich der Gedanken.
»Dies ist nicht deine Schwester, Krieger. Führe diesen Kampf im Namen der heiligen Sonne und überwältige die vergiftete Seele.«
Seine Schwester. Das Mädchen mit den feinen Gesichtszügen und den silbrig-blauen Augen. Eine jener, die gestorben waren, ohne den Ruf der Sterne je vernommen zu haben. Wie konnte jemand einer Sache dienen, die einer geliebten Person so viel Schaden zugefügt hatte? Erneut blickte ich in seine seelenlosen Augen. Womöglich war er ebenso mit ihr gestorben, wie ich mit meinen Eltern. Doch dies machte uns nicht weniger zu Feinden.
Mit einem Ausfallschritt zur Seite täuschte ich einen Angriff vor, und während er den Stahl in seinen Händen neu ausrichtete, glitt ich unter seinem Hieb hindurch und durchtrennte die Sehne seines Armes. Seine Bewegung war schwach ausgeführt. Kein Vergleich zu der ersten. Er wollte diesen Kampf verlieren …
Seine Schwester hatte lange gelitten, bevor ihr Herz eines Nachts aufgegeben hatte. Dass er nun für die Männer kämpfte, die über ihr Leben entschieden hatten, war mehr als erbärmlich. Er hatte das Leben als abgestorbene Hülle verdient.
Sein Schwert fiel, und einer der Dolche fand seine Kniekehle. Sein Bein knickte unter ihm weg und er landete hart auf dem Knie des anderen. Ich beugte mich nach vorne. Nah an sein Ohr. Er sollte es wissen. Sollte sich für den Rest seines Lebens fragen, ob er richtig gehandelt hatte …
»Du hast deine Schwester für etwas sterben lassen, dessen sie nicht schuldig war. Wird deine heilige Sonne dir danach auch noch gnädig sein?« Meine Worte waren ruhig. Ich hatte die Frau nicht gekannt, doch ihr Schluchzen hatte viele Stunden meine Ohren gefüllt.
Ein erstickter Laut drang aus seinen Lippen. Dann erhob ich mich und wandte mich den Priestern zu. Ihre goldenen Gewänder flatterten am Ende des Gangs. Sie hatten die Flucht ergriffen.
Ich erwog, ihnen zu folgen. Doch meine Ausdauer hatte im Käfig gelitten. Ich würde meine Schnelligkeit brauchen, um den Vorplatz des Klosters zu überwinden.
Selbst ein Beutetier kann dem Jäger gefährlich werden, wenn die Herde gemeinsam angreift. Wenn dein Ziel fliehen kann, zieh dich zurück und warte auf den nächsten Moment, bevor du von hunderten Hufen zertrampelt wirst, Arivey.
Die Stimme meines Vaters glitt sanft durch meine Gedanken und ich wandte mich ab. Huschte den Flur entlang zurück in die Richtung, aus welcher ich gekommen war. Dorthin, wo man mich vor zwei Jahren hindurchgeschleppt hatte auf dem Weg zu den Käfigen.
Der Innenbereich des Klosters, wie die Priester ihr Gefängnis für die Bevölkerung nannten, öffnete sich zu einem großen, runden Platz. In seiner Mitte thronte ein gewaltiges Monument in Form einer in Gold gegossenen Sonne. So wie sie ausgesehen hatte, bevor die Dunkelheit ihren Schein getrübt hatte. Ähnlich ihrer Strahlen zweigten die verschiedenen Gänge ab, und nur einer davon führte nach draußen.
Einige Priester umrundeten das Denkmal, scheinbar in gedankenverlorene Spaziergänge vertieft. Krieger waren an den Wänden postiert. Viel zu viele für einen Kampf. Doch keiner von ihnen hatte je erlebt, dass ein Gefangener den Versuch wagte, sich zu befreien. Wer einmal die Käfige erreicht hatte, wurde nur ein weiteres Mal durch diese Hallen getragen. Tot. Das war mein Vorteil.
Bevor ich den offenen Bereich betrat, blieb ich im Schatten des Flurs stehen. Holte tief Atem. Füllte meine Lunge, bis ich das Gefühl hatte, sie würde bersten. Mein Blick fixiert auf das gähnende Dunkel. Dem Weg nach draußen.
Ohne die Augen von meinem Ziel abzuwenden, sprintete ich los. Kräftig trieben meine Beine mich vorwärts. Ich hatte die Halle der Sonne bereits zur Hälfte durchquert, bevor Rufe laut wurden. Schreie folgten meinen Schritten. Gebrüllte Befehle, die niemand schnell genug ausführen konnte.
Der dunkle Flur verschluckte meine Gestalt, und entgegen der Annahme meiner Verfolger nahm ich die erste Abzweigung. Ließ mich von dem schwachen Luftstrom leiten, der mir bereits bei der ersten Durchquerung verraten hatte, dass sich an seinem Ende ein anderer Ausgang befinden musste.
Tatsächlich mündete der Weg in einem Durchgang ohne Tür oder Geländer. Ohne zu zögern sprang ich durch das Loch in der Mauer. Landete in einem Berg aus Essensresten und Abfällen. Der Gestank sollte meine Sinne betäuben, doch die Zeit in den Käfigen hatte mich Schlimmeres gelehrt. Hatte den frischen Duft der nebelverhangenen Wälder zu einer schwachen Erinnerung werden lassen, die unter Fäkalien und Blut begraben war.
Zu meiner Linken musste sich der große Platz befinden. Tumult brach aus und schallte zu mir herüber. Schreie wurden laut.
Meine Lunge brannte von der kurzen Anstrengung. Ich spuckte auf den Boden, um den Speichel loszuwerden und durch den Mund zu atmen. Die Dolche verbarg ich unter dem weiten Stoff des dünnen Hemdes, welches mir zugestanden worden war. Das Metall legte sich tröstlich an meine Unterarme. Kühlte meine erhitzte Haut. Doch mein Herz raste noch immer. Trieb mein Blut unerbittlich durch meine Adern.
Bedeckt mit Schmutz, wandte ich mich dem Platz zu. Den Kopf gesenkt, die Augen niedergeschlagen. Meine anderen Sinne würden ausreichen müssen. Konzentriert lauschte ich auf das Trampeln der Stiefel, lenkte meine Schritte in einem Bogen um das Geräusch herum. Hinein in eine Menschenmenge. Der Aufruhr hatte Schaulustige angelockt, die nur darauf warteten, dass die Geflohene wieder eingefangen werden konnte.
Niemand achtete auf mich. Alle starrten den Torbogen an, welcher ins Innere des Klosters führte. Aus dem jedoch einzig mehr und mehr Sonnenkämpfer strömten.
»Du!«
Instinktiv wusste ich, dass der Ausruf mir galt. Doch ich hielt nicht an. Bewegte mich weiter zwischen den Bewohnern entlang, die vor dem Gestank zurückwichen.
Eine Hand ergriff meinen Ärmel. »Zeig mir deine Augen!« Der Befehl war unmissverständlich. Ich wurde herumgerissen. Grobe Stiefel erschienen in meinem Sichtfeld.
Ohne aufzusehen, drehte ich die Dolche. Mühelos zerschnitten sie den fadenscheinigen Stoff. Der Krieger fiel, bevor ihm bewusst wurde, dass er die Richtige gefunden hatte. Ein Schrei durchdrang den Moment. Dann ein weiterer.
»Sie ist hier!«
Die Menge teilte sich. Offenbarten den Blick auf mich und die größer werdende Blutlache, die von dem sterbenden Kämpfer ausging. Ich hielt mich nicht damit auf, nachzusehen, wie viele Sonnenvergiftete inzwischen versammelt waren. Stattdessen rannte ich. Ohne zurückzublicken. Denn es gab einen Ort, an dem sie mir unterlegen waren. Den einen Ort, an den ihre heilige Sonne ihnen nicht folgen würde. Das Dickicht des Waldes war mein Zuhause und im ewigen Nebel würden sie ihren Tod finden.
Hier würden sie zuerst suchen. Es war nicht schwierig, dies zu erraten, und doch konnte ich mich nicht dazu bringen, einen anderen Weg einzuschlagen. Ohne mein Zutun trugen meine Beine mich zwischen dicht stehenden Bäumen hindurch. Dem Einzigen entgegen, was von meinem Leben übrig geblieben war.
Die leicht schiefe Hütte stand auf der Lichtung und beinahe könnte man meinen, es sei keine Zeit vergangen. Doch nur beinahe …
Moos schmiegte sich an das inzwischen vom Nebel durchdrungene Holz. Zu lange hatte kein Feuer das Innere erwärmt. Die Tür hing schief in den Angeln. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie zu schließen. Wenigstens dem Zuhause den Respekt zu zollen, den sie seinen Bewohnern nicht zuteilwerden ließen.
Die feuchten Dielen knarrten unter meinem Gewicht. Protestierten gegen das plötzliche Eindringen oder bekundeten ihren Unmut über das lange Fernbleiben. Der durchdringende Geruch von modrigem Holz hatte jeden Winkel des Wohnraumes durchdrungen. Und doch spielte mein Geist mir einen grausamen Streich. Ließ mich das Aroma von erwärmtem Harz wahrnehmen, mit welchem mein Vater die Pfeile härtete und die Spitzen befestigte. Den Duft von gebratenem Fleisch, welches meine Mutter für unser Abendessen zubereitete. Doch was einst mein Zuhause verkörpert hatte, zerfiel zu Asche. Schreie erfüllten meinen Geist ebenso wie der Gestank von brennendem Harz und verkohltem Fleisch.
Ich fiel auf die Knie und erbrach mich. Würgte bittere Galle hervor, bis Tränen meine Wangen hinabliefen. Doch mein Körper krümmte sich weiter. Ertrank in der Erinnerung. Zitternd hielt ich mich auf den Armen. Weigerte mich, auf dem morschen Holz zusammenzusinken. Wusste, dass ich nie wieder aufstehen würde, wenn ich es zuließe.
Mit dem zerschlissenen Ärmel wischte ich mir über den Mund. Stemmte mich hoch und wandte mich meinem Zimmer zu. Die Leichen waren verschwunden, doch ihr Blut hatte sich tief in den Boden gefressen. Eindeutige Spuren hinterlassen, auch wenn der metallische Geruch nicht länger die Luft erfüllte. Ohne dem Umstand viel Beachtung zu schenken, betrat ich den schmalen Raum. Verwundert, dass er absolut unverändert war.
Alles sah aus, als hätte ich erst gestern hier gestanden und die Sterne fallen sehen. Mein Bogen lag auf dem Bett. Die Pfeile ruhten im Köcher daneben. Mein geschundener Körper verlangte danach, auf die dünne Matte zu sinken. Doch die Jagd war eröffnet und schlafen konnte ich, wenn ich meine Eltern gerächt hatte.
Sie kamen nicht mehr. Viele Tage waren Krieger der Sonne in das Dickicht getreten. Und keiner hatte es wieder verlassen. Ihr Tod ereilte sie aus den Schatten der Bäume, drang zwischen den Zweigen hindurch und ihre verrottenden Körper nährten die Bewohner des Waldes.
Doch seit nunmehr vier Tagen waren keine weiteren gekommen. Seit jene Nacht zum Greifen nahe war. Sie postierten sich um die Stadt und die umliegenden Dörfer. Erfüllten den Schein, die Bewohner vor der Gefahr zu schützen, die in jeder dunkelsten Nacht über uns kommt. Und diese waren töricht genug, zu glauben.
Das Zwielicht wechselte von Gold zu Grau und schließlich waren die Schatten so tief, dass kaum noch Licht auf den Boden des Waldes fiel. Ich saß am Fuße einer gewaltigen Eiche. Den Bogen auf meine ausgestreckten Beine gebettet, einen Pfeil daneben.
Der Erste fiel. Ohne ihn zu sehen, spürte ich seine Anwesenheit in unserem Teil der Welt, als würde sein Licht eine brennende Spur auf meinen Körper zeichnen.
Bedächtig griff ich nach meiner Waffe.
Zwei.
Das Brennen nahm zu.
Ich legte den Pfeil an die Sehne.
Drei.
Spannen. Mein Ziel war ein gegenüberliegender Baumstamm.
Vier.
Beim letzten Fall waren nicht mehr gekommen.
Ein Bild legte sich über den rauen Stamm vor mir. Meine Mutter. Ihr Körper umgeben von Flammen.
Fünf.
Blinzelnd vertrieb ich das Bild, welches sich jedes Mal vor meinen Geist schob, wann immer ich meinen Bogen ergriff. Fokussierte mich auf die Spannung in meinen Muskeln.
Sechs.
Ein Fluch verließ meine zusammengepressten Lippen. Das Ziehen in meinem Körper setzte ein. Drängte mich meinem Tod entgegen, doch ich war kein unbedarftes Kind, das sich von der schillernden Farbe einer Frucht anlocken ließ. Das dem süßen Duft der Schale folgte und an herbem Saft erstickte. Ich würde keinem von ihnen entgegenlaufen und wenn sie mich fanden, würden die Jäger zum ersten Mal keiner Beute, sondern einem Raubtier gegenübertreten.
Das Brennen in meinen Muskeln stritt mit jenem in meinem Inneren um die Vorherrschaft. Keines wollte dem anderen unterliegen, keines nachgeben. Sie kamen näher …
Ich spürte ihre Anwesenheit. Wie glühende Haken gruben sie sich in mein Fleisch, zerrten und rissen an mir in dem Versuch, mich zu ihnen zu locken. Meine Rippen wurden zu einem Käfig, während meine Seele zu einem Monster wurde, das versuchte, sie aufzubrechen und zu entkommen.
Ein Knacken störte meine Konzentration. Der Nebel waberte scheinbar undurchdringlich über den Waldboden, doch ich hatte mich an seine Anwesenheit gewöhnt. Musste mich nicht auf meine Augen verlassen, um etwas wahrzunehmen. Ich schloss die Lider, nahm meinem Körper den ohnehin nutzlosen Sinn und zwang ihn, sich auf die übrigen zu verlagern.
Ein weiterer Ast brach unter einem unbedarften Schritt.
»Du musst sehr vorsichtig sein, Arivey. Die Jäger bewegen sich so leise, wie ihre Sterne fallen und ebenso schnell.«
Die Stimme meiner Mutter durchdrang meine Gedanken. Was auch immer sich durch das Dickicht bewegte, konnte keiner von ihnen sein. Gebannt folgte ich dem Rascheln. Trockenes Laub knirschte und plötzlich trafen Hufe auf Stein. Ein Hirsch oder ein Reh. Ganz gleich, was es war, ich hatte seit Tagen kein Fleisch mehr gegessen. Die Milites hatten die Tiere verschreckt und es war, selbst in ihrer Abwesenheit, bisher unmöglich gewesen, eines zu erlegen.
Langsam öffnete ich meine Augen. Suchte die Stelle, an der ich das Geräusch vernommen hatte. Versuchte, die dichten weißen Schwaden zu durchdringen, und konnte in einiger Entfernung einen Schemen erkennen. Den Bogen noch immer gespannt, machte ich einen Schritt nach vorne. Dann noch einen. Zielte auf meine Beute und …
Der Pfeil glitt aus meinen Fingern. Verschwand im Dickicht. Keuchend fasste ich mir an die Brust. Der Bogen landete lautlos neben mir im Moos, während meine Hände verzweifelt gegen meinen Brustkorb drückten. Den Versuch unternahmen, den Käfig zu verstärken, den mein Innerstes zu zerschlagen drohte. Ein Inferno wütete in meiner Brust.
»Keine Sorge, die Nahrung wirst du nicht mehr benötigen.« Bedrohlich wie eine Klinge und dennoch sanft wie eine liebevolle Berührung drang die Stimme durch den Schmerz.
Abgelenkt. Ich war abgelenkt gewesen. Hatte nicht bemerkt, wie der Jäger sich mir genähert hatte.
Ich schürte die Wut in meinem Bauch. Fachte ihre Glut an, bekämpfte Feuer mit Feuer. Ich spürte seine Präsenz in meinem Rücken. Er war mir so nah, dass ich ihn womöglich berühren könnte, wenn ich dem Drang nachgab und mich umwandte.
»Sieh niemals einen von ihnen an. Selbst jene, die nicht von der Nacht berührt wurden, verfallen dem Licht ihrer Sternbilder. Werden betört von ihrer kalten Schönheit.«
Die Lider fest zusammengepresst, griff ich nach meinem Bogen und spannte ihn erneut.
Ein raues Lachen erklang. Doch es kümmerte mich nicht. Bewusst änderte ich meine Handhaltung. Machte die Fehler eines Anfängers in dem Wissen, dass die Sehne mich treffen würde. Ich ließ sie los und sogleich schlug sie gegen die zarte Haut an meinem Unterarm. Hinterließ ein Brennen, welches ich dem Sehnen meines Körpers entgegensetzen konnte. Ich spannte erneut.
»Interessant.« Er hatte sich bewegt. Stand nun vor mir. Die Stimme noch immer gesenkt. »Gib zurück, was du gestohlen hast, und die Schmerzen werden vergehen.« Die Silben flossen über meinen Körper wie giftiger Honig. Eine süße Versuchung, die mit dem Tod belohnt werden würde.
Die Bogensehne traf mich erneut und riss die Haut auf.
Wieder vibrierte dieses tiefe Lachen in der Kehle meines Gegenübers, als würde es sich nicht gänzlich gestatten, auszubrechen. Etwas Kaltes streifte meinen Hals. Die Spitze kratzte über meinen rasenden Puls. Doch die Klinge verletzte mich nicht. Ich wünschte, sie würde es tun. Würde dem brennenden Sehnen Schmerz entgegenstellen.
Wäre es wirklich so fatal, ihn anzusehen? Niemand hatte die Begegnung je überlebt, woher sollten sie wissen, wie die Jäger töten?
Blitzschnell spannte ich den Bogen, doch bevor ich die Sehne fahren lassen konnte, riss sie. »Es ist zwar äußerst amüsant, dich kämpfen zu sehen, doch die Nacht neigt sich dem Ende zu.« Er hatte durchschaut, was ich tat. Hatte meinen Bogen zerstört. Mir meine letzte Möglichkeit genommen, mich bei klarem Verstand zu halten. Meinen Dolch würde er mich nicht ziehen lassen. Daran bestand kein Zweifel.
Mein Kiefer mahlte. Meine Lider zitterten.
»Öffne deine Augen.« Sein Atem strich über meine Wange, während die Dolchspitze noch immer an meiner Kehle ruhte. Die Worte krochen in meine Seele. Übergossen die Flamme mit geschmolzenem Harz und entfachten einen Feuersturm, der mich keuchen ließ.
Ich würde verlieren. Wozu weiterkämpfen? Ich konnte ebenso gut einfach aufgeben.
»Vertraue deinen Gedanken niemals, wenn du in ihrer Nähe bist, Arivey. Es ist lediglich der Splitter in deinem Inneren, der reagiert. Löse dich von seinem Einfluss.«
Ich griff nach der Klinge an meinem Hals. Umfing den kalten Stahl, genoss es, wie er durch meine Haut schnitt. Der Nebel in meinen Gedanken lichtete sich. Der metallische Duft meines Blutes vermischte sich mit der feuchten Luft.
Eine Präsenz näherte sich uns. Wenn die Energie meines Gegners bereits einem verzehrenden Sturm glich, so war jene des Neuankömmlings tiefschwarze Dunkelheit. Gewalt und Tod schienen seine Gestalt zu umgeben, aus seinen Poren zu tropfen.
»Wenn du sie dir nicht nimmst, überlass sie mir, Sephaer.« Die neue Stimme war kein Honig, sie versuchte nicht, ihr Gift zu tarnen. Ihr Träger genoss das Töten.
»Musst du mir inzwischen bereits folgen, um deine Unfähigkeit zu verschleiern, Antares? Oder willst du etwas lernen?« Arroganz umfing seine schmeichelnden Worte. Wer auch immer er war, die brachiale Ausstrahlung seines Gegenübers schien ihn weder zu verunsichern noch zu kümmern. Seine Wärme trat noch näher an mich heran. Löste meine Finger von der Klinge, und sein Duft umhüllte mich. Roch so anders als alles, was es in Eldîr gab. Nach der Freiheit der Wälder und kaltem Feuer. Betörend und mahnend zugleich.
Ein Keuchen entfuhr mir, als sein Daumen auf den Schnitt in meiner Handfläche drückte. Schmerz schoss meinen Arm hinauf, während seine Lippen beinahe mein Ohr streiften. »Es wäre sehr enttäuschend, wenn du für den falschen Jäger die Augen öffnest, kleine Motte.«
Es war ein Konkurrenzkampf. Doch da er offenbar beschlossen hatte, mir zu helfen, nur damit sein Kumpan mich nicht brechen konnte, sollten mich die Gründe nicht kümmern. Wichtig war nur, dass seine Aufmerksamkeit nun jemand anderem mehr galt denn mir.
Ich schloss die Finger um seinen Daumen. Drückte seine Haut fester gegen meine Wunde. Spürte seinen Nagel über die empfindliche Stelle kratzen. Wenn ich meinen Dolch schnell genug erreichen könnte, wäre es möglich, ihn zu verletzen, doch sollte der andere Jäger einen Bogen bei sich tragen, würde ein Pfeil mich treffen, bevor ich im Unterholz verschwinden könnte. Mir blieben wenig Möglichkeiten. Auszuharren, bis die dunkelste Dämmerung sich ihrem Ende zuneigte und das goldene Zwielicht zurückkehrte, würde alle meine Kräfte aufzehren, doch mir blieb nichts anderes.
Das Zischen eines Pfeiles durchdrang die Luft. Zerschnitt den Moment und meine Gedanken. Ich wartete auf den Treffer, doch er blieb aus. Stattdessen drang ein Keuchen an meine Ohren. Zu weit entfernt, um von meinem Gegner zu stammen. Das wilde Fluchen des Getroffenen hallte durch das Dickicht.
Tumult brach aus. Mein Jäger entzog mir seine Hand. Hinterließ ein verklingendes Brennen, welches die Sehnsucht aufflammen ließ. Und Kälte. Als hätte er alle Wärme aus meinem Körper mit sich genommen, obwohl ich ihn noch immer in meiner Nähe spüren konnte.
»Fangt einen von ihnen. Tötet den anderen.« Der Befehl drang zwischen den Bäumen hervor, gefolgt von schweren Schritten und weiteren Pfeilen. Ihr Sirren erfüllte die Luft.
Verfluchte Sonnenvergiftete. Ich konnte nicht hier stehen mit geschlossenen Augen, während man versuchte, den Jäger vor mir zu erschießen. Ich musste ausweichen können. Er stieß einen unwilligen Ton aus und entfernte sich einen Schritt von mir. Ich spürte, wie die brennenden Haken sich tiefer in mein Fleisch gruben. Mich drängten, ihm zu folgen. Dies war meine einzige Möglichkeit.
Ich öffnete mein rechtes Auge, bereit, in den Wald zu fliehen, doch in jenem Augenblick wandte sich der Jäger erneut mir zu. Augen, so blau wie der tiefste Bergsee, fanden mich. Wilde, schwarze Strähnen fielen ihm in die Stirn und verdeckten fast gänzlich die spitzen Ohren. Ebenso erstarrt wie ich verharrte er für einen endlosen Atemzug, bevor ein Lächeln seinen Mundwinkel hob. Sein Arm streckte sich mir entgegen. Die leuchtenden Male auf seiner Haut glühten. Riefen mich. Nein, rissen an meiner Seele. Zerfaserten sie, zerteilten mein Innerstes. Wärme benetzte meine Wange. Brennend heiß, als würde ich flüssiges Feuer weinen. Der Schmerz zwang mich in die Knie. Wie von selbst glitt meine blutende Hand an meine Kehle. Drückte zu.
Ein Geschoss streifte den Oberarm meines Gegenübers. Riss seinen Blick von mir. Entließ mich aus seiner Gewalt. Ohne nachzudenken biss ich mir in die Hand und kam auf die Beine. Die Zähne fest in meinem Fleisch vergraben. Die Lider erneut geschlossen, während die ersten Angreifer zwischen den Bäumen hervortraten. Sie versuchten nicht länger, leise zu sein.
Sanfte Finger glitten an meinem Kiefer entlang, bevor sie sich um mein Kinn legten. Mich fixierten. »Ich werde dich wiederfinden, kleine Motte.« Seine Nähe verschwand. Und die Sehnsucht mit ihr.
Die Jagd war vorüber.
Meine Beine trugen mich nicht länger. Alle Kraft wich aus meinen Gliedern, und das Letzte, was ich wahrnahm, waren grobe Hände, die meine Oberarme umschlossen.
Sephaer.
So würde mein Ende also heißen.




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