Leseprobe When Angels fall
- Lisa und Noa
- vor 4 Tagen
- 25 Min. Lesezeit

Vorwort:
Auszug aus den Schriften über Licht und Schatten
Seit Anbeginn der Zeit wachte eine unerschütterliche Ordnung über die Welt. Die Engel waren dazu bestimmt, die Menschen zu beschützen und sie vor der Dunkelheit zu bewahren, die überall lauern konnte. Doch sie folgten keinem Herrscher, keinem Gesetz, das ihnen von einer höheren Instanz auferlegt worden war. Allein das uralte Wissen einer tief verwurzelten Tradition bestimmte ihr Schicksal. So lebten sie Seite an Seite mit den Menschen, ohne sich über sie zu erheben. Jeder Schutzengel wurde mit seiner Geburt an einen sterblichen Schützling gebunden und ihre Existenz war auf diese Aufgabe ausgerichtet.
Doch im Laufe der Jahrhunderte begannen Zweifel, in den Reihen der Engel zu keimen. Erste Stimmen wurden laut, die ihre Stellung hinterfragten. Warum sollten sie weiterhin als Diener der Menschen existieren, wenn sie doch selbst Wesen von unvergleichlicher Macht waren?
Es dauerte nicht lange, bis diese Zweifel zu offener Rebellion führten. Eine Gruppe von Engeln wandte sich gegen das Licht, das sie einst ausgemacht hatte. Sie verleugneten ihre Bestimmung und suchten Zuflucht in den Schatten. Ihr Anführer war Malphas, ein einst strahlender Engel, dessen Herz von Hass und Dunkelheit zerfressen wurde. Unter seinem Banner sammelten sich die Gefallenen, die sich nun als Schattenengel bezeichneten und eine neue Weltordnung anstrebten.
Die Rebellion stellte eine große Gefahr für die Menschheit dar und die Engel des Lichts sahen sich gezwungen einzuschreiten. Doch sie erkannten schnell, dass sie gegen die Schattenengel nicht bestehen konnten, solange sie nicht geeint waren. So wurde ein mächtiger Engel namens Seraphiel als ihr Anführer erwählt. In einem uralten Ritual banden die Engel ihre Macht an ihn, wodurch ihm eine unermessliche Kraft verliehen wurde. Mit ihm an ihrer Spitze zogen die Lichtengel in den Krieg.
Dreizehn Tage lang tobte die Schlacht zwischen Licht und Schatten in Umbrane Heaven, der Hauptstadt der Engel, wo die Verbindung zum Himmel am stärksten ist. Blut wurde vergossen, Leben ausgelöscht. Die Erde erbebte unter der Wucht der entfesselten Mächte.
Am Ende war es das Licht, das triumphierte. Die überlebenden Schattenengel wurden durch mächtige Runenmagie hinab in die Unterwelt verbannt – ein Reich der Dunkelheit und des Leids, in dem die Zeit nur zäh voranschreitet. Die Portale, die einst als Brücken zwischen den Welten dienten, wurden versiegelt, wodurch sie ihre Heimat nie wieder betreten können sollten. Somit wurden die ursprüngliche Ordnung wiederhergestellt und das höchste Gut, die Sicherheit der Menschen, bewahrt.
Die Schlacht um Umbrane Heaven ist bis heute das geschichtlich bedeutsamste Ereignis und eine stete Erinnerung an die Gefahr, die sich in den Schatten verbirgt.
Prolog
Ich werde in seinen Armen sterben. Zurück bliebe ein Inferno aus Feuer und Dunkelheit, weil mein Abgang groß sein wird.
Gewaltig sein muss. So, dass es jeder mitbekommt.
Eine Explosion, die alles mit mir zusammen untergehen lässt. Der Himmel soll in Flammen aufgehen und die gottverdammte Unterwelt mit sich reißen.
Er würde dort zurückbleiben, mit meinem schlaffen Körper in den Armen und einem Gesicht voller Schrammen, das dann nicht mehr so makellos wäre. Mit Rauch in der Lunge und der Erkenntnis im Herzen, dass er versagt hat. Denn diese Dunkelheit könnte nicht einmal er überleben.
Das ist der Tod, den ich wähle. Der Tod, der mich befreien wird, mich endlich von dieser verfluchten Welt gehen lassen wird. Dass er auch ihm alles nehmen wird, was er jemals zu besitzen glaubte, ist nur das Sahnehäubchen.
Ich bin die Einzige, die es tun kann. Niemand sonst könnte so nah an ihn herankommen. Niemand sonst weiß, wie es in ihm aussieht, welche Farbe seine Seele hat und welche Albträume ihn nachts plagen.
Vielleicht wäre es nie so weit gekommen, hätten wir uns nicht gegenseitig Vertrauen geschenkt.
Denn alles, was ich bin und was ich je war, wurde von ihm erschaffen. Er hat mich zu mir gemacht und ich habe es bereitwillig zugelassen. War Wachs in seinen Händen. Die Marionette, mit der er am liebsten spielte.
Ich muss die Last der Welt auf meinen Schultern tragen, doch ich weiß, dass ich dazu in der Lage bin. Selbst wenn es das Letzte ist, was ich tun werde.
Er war mein Anfang, deshalb muss ich sein Ende sein.
Wenn er das Gesetz ist, bin ich diejenige, die es brechen wird.
Happy fucking anniversary
Idalia
Der Himmel zieht sich zu und verbirgt die Sonne hinter dicken Wolken. Ich beschleunige meine Schritte. Plötzlich hallt ein Donnerschlag durch die Luft und lässt mich erzittern. Ich renne los, fort von dem Gewitter, das mir heute Nacht sicher den Schlaf rauben wird. Erste Regentropfen fallen mir auf die nackten Arme und ich sehne mich nach meinem warmen Zuhause.
Ich hätte auf Mama hören sollen und früher heimgehen … Aber Solia und ich hatten so viel Spaß!
Der Vorschlag meiner besten Freundin, ich solle fliegen, anstatt zu laufen, um schneller zu sein, huscht durch meine Gedanken, als meine Füße allmählich zu schmerzen beginnen. Die Idee erzeugt schlagartig ein mulmiges Gefühl in meiner Brust, sodass ich sie wieder verwerfe.
Solia kann als Mensch gar nicht begreifen, was es bedeutet zu fliegen. Wie es sich anfühlt, die Kontrolle zu verlieren …
Auf dem Spielplatz, an dem ich vorbei muss, ist jemand. Ich bleibe abrupt stehen. Es ist ein Instinkt, den ich nicht hinterfrage.
Eine dunkle Gestalt sitzt auf der Schaukel und schwingt träge vor und zurück, die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ein Junge, ganz allein. Ich schätze, dass er nicht erst neun Jahre alt ist wie ich, aber auch nicht älter als zwölf. Hat er den Regen nicht bemerkt? Oder macht er ihm bloß nichts aus?
Meine Ängste rücken in den Hintergrund, als sich Neugierde wie ein gewaltiger Ballon in mir ausbreitet. Ich marschiere geradewegs auf den Jungen zu, den ich hier noch nie zuvor gesehen habe. Dabei dachte ich, alle Kinder zu kennen, die diesen Spielplatz besuchen.
Je näher ich komme, desto stärker nehme ich die Traurigkeit wahr, die der Fremde ausstrahlt. Vielleicht ist es auch Einsamkeit. Doch da ist noch etwas … Eine seltsame Energie, die ich nicht zuordnen kann.
Feststeht jedoch, dass kein Kind alleine sein sollte, wenn es traurig ist, und vor allem nicht draußen bei Regen. Er könnte sich erkälten.
Mit ein wenig Abstand bleibe ich vor ihm stehen und verschränke die Arme. »Du solltest nach Hause gehen.«
Als würde er mich erst jetzt bemerken, hebt er den Blick.
Ein Schauer jagt meine Wirbelsäule entlang. Seine Augen sind nachtschwarz! Wenn er aus den Schatten stammt, dann …
Nein. Ich schüttle den Kopf über mich selbst, um die aufsteigende Aufregung zu vertreiben. Wenn er meine Hilfe braucht, spielt es keine Rolle, wer oder was er ist.
Ich räuspere mich, als er mich weiterhin schweigend und ausdruckslos anstarrt. »Oder hast du kein Zuhause?«, rate ich. Es bricht mir ein wenig das Herz, als er es kaum hörbar verneint. »Einen Namen musst du aber haben. Den hat jeder. Oder?«
Der Junge blinzelt mich irritiert an, als hätte ich ihm eine unlösbare Matheaufgabe gestellt.
»Zion«, sagt er schließlich.
Zion. Der Klang des Namens setzt sich wie die Noten einer Melodie in meinen Gedanken fest.
»Gut, Zion. Ich heiße Idalia. Willst du mit zu mir nach Hause kommen? Es gibt dort heißen Kakao.«
***
Mit einem nervtötenden Klingeln in den Ohren schrecke ich hoch, haue mir den Kopf an der Dachschräge über meinem Bett an und stoße mehrere nicht jugendfreie Flüche aus.
Ich spüre das Vibrieren des Handys am Oberschenkel und wühle danach. Die Bettdecke liegt wie ein schweres Gewicht auf mir und will mich nicht gehenlassen.
Ein fröhlicher Popsong ist mit einem penetranten Weckergeräusch unterlegt, damit ich ihre Anrufe nie überhören konnte. Ein Bild von meiner besten Freundin, die zugleich seit unserer Geburt mein Schutzauftrag ist, leuchtet mir auf dem angebrochenen Display entgegen. Ich habe das Foto erst vor Kurzem von ihr geschossen und muss grinsen, als ich rangehe.
»Ich kann immer noch nicht glauben, wie toll dieses Foto von dir ist«, begrüße ich sie.
»Welches Fo–« Ein Moment Stille. »Das hast du nicht gemacht!«
Ich kann mir ihren empörten Gesichtsausdruck nur zu gut vorstellen und lache.
»Dali, ich schwöre dir …«, droht sie, doch ich höre, dass sie selbst kaum ernstbleiben kann.
»Lass deine leeren Versprechungen sein und sag mir lieber, warum du mich geweckt hast.«
Solia schnaubt. »Dir ist bewusst, dass du in knapp zwanzig Minuten auf der Arbeit sein musst, oder? Außerdem habe ich dir schon hundert Mal gesagt, dass du wertvolle Lebenszeit verschwendest, wenn du gefühlt jeden Tag nur herumliegst und schläfst. Aber wie auch immer. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich dann mit den Jungs vorbeikomme.«
Fast gleitet mir das Handy aus der Hand, als mir ein Blick auf die Uhr bestätigt, dass ich verschlafen habe. Mal wieder.
»Fuck«, stoße ich aus und schiebe die Bettdecke von mir. »Äh, ja, das ist mir sehr wohl bewusst. Bitte sag Louis, dass er diesmal nicht in seinen verschwitzten Trainingsklamotten auftauchen soll. Und nur so am Rande: Wenn du kurz davor bist zu sterben, werde ich das schon spüren, keine Sorge. Also darf ich mein Leben sehr wohl im Bett verbringen.«
Ich beende das Telefonat, bevor sie etwas kontern kann, und werfe das Handy auf die andere Seite des Bettes. Als ich zu schnell aufstehe, überkommt mich Schwindel. Schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen. Ich lehne mich gegen die Wand, schließe die Lider und atme tief durch.
Auch wenn ich knapp dran bin, reicht die Zeit noch völlig, um pünktlich im Café zu erscheinen. Also entspann dich, sage ich zu mir selbst, mach langsam.
Der Moment der Stille lässt Bilder in mein Gedächtnis strömen, die ich auf keinen Fall sehen will. Ich reiße die Augen auf, doch sie verschwinden nicht.
Dieser verfluchte Traum.
Er war die letzten fünf Minuten in meinem Unterbewusstsein verborgen, doch jetzt bricht er wie ein reißender Fluss durch alle Mauern hindurch. Als würde mein Körper spüren, dass dieser verdammte Tag heute sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Unwillkommene verhasste Gefühle schleichen sich in meine Brust und erschweren mir das Atmen. Wie tiefschwarzes Gift, das mir langsam aber sicher den Tod bringen wird.
Sind Träume nicht eigentlich dafür bekannt, die Realität zu verzerren? Wie kann es dann sein, dass selbst das kleinste Detail der Wahrheit entsprach?
Das Kleid, das ich trug. Der Geruch von Regen im Herbst. Die Farbe der beschissenen Schaukel, auf der er saß.
Er.
Das Gesicht der Dunkelheit, die in mir wütet.
Ein Schrei will sich aus meiner Kehle lösen, doch ich schlucke ihn hinunter. Stattdessen schlage ich mit der flachen Hand gegen die Wand, was ein angenehm schmerzhaftes Pochen hinterlässt. Ein Teil von mir wünscht sich, niemals aus diesem Traum erwacht zu sein, sodass er ewig anhalten kann. Der andere Teil will all meine Erinnerungen auf einen Haufen schmeißen, Benzin darüber kippen und sie anzünden.
Dabei habe ich beides schon hinter mir. Ich habe versucht, einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen, doch das Universum hatte andere Pläne für mich. Es hat genauso wenig geholfen, allem, was ich mit ihm verbinde, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion dabei zuzusehen, wie es zu einem elendigen Haufen Asche wird. Nur diese eine verfluchte Nelke, die er zurückgelassen hat, konnte ich nicht loswerden. Ich weigere mich bis heute, mir den Grund dafür einzugestehen.
Die Nelke ist das Salz in meiner Wunde, das verhindert, dass ich jemals heilen kann. Ich verdiene es nicht, und noch viel weniger darf ich vergessen. Niemals.
Von den knappen zwanzig Minuten sind nur zwölf übrig. Ich rücke meine unsichtbare Maske zurecht und zwinge mich, den Weg zum Badezimmer einzuschlagen. Die Einzimmerwohnung verlangt nur wenige Schritte von mir ab und doch fallen sie mir schwer. Es war klar, dass dieser Tag ein Scheißtag werden würde, und hätte Mom mir nicht die heutige Extraschicht im Café zugeteilt, hätte ich ihn gänzlich schlafend verbracht.
Ich seufze, als ich im Spiegel sehe, dass meine Haare in alle Richtungen abstehen. Dennoch dauert es nur elf Minuten, bis ich wieder ansehnlich genug bin, um das Haus zu verlassen. Mit einer Hand im Jackenärmel sperre ich die Wohnungstür zu und schlüpfe ganz hinein, während ich die Treppenstufen nach unten sprinte. Der Kettengürtel klimpert an meiner Jeans.
Das Café Springside, das meinen Eltern gehört, ist nur vier Hausnummern entfernt, was mir regelmäßig spontane Zusatzschichten einbringt. Leise Jazzmusik schlägt mir entgegen, als ich eintrete, begleitet vom vertrauten Brummen der alten Espressomaschine. Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee und warmem Zimt erfüllt die Luft. Einen Moment lang halte ich inne, um den Blick durch den Raum gleiten zu lassen.
Die hölzernen Tische, die Dad vor Jahren selbst geschliffen und lackiert hat, schimmern im goldenen Licht der tiefhängenden Pendelleuchten. Auf jedem steht eine kleine Vase mit einer einzelnen Blume darin. Heute sind es zarte hellrosa Herbst-Anemonen, die Mom vermutlich erst frisch besorgt hat. Scheinbar hat sie sich an die Liste gehalten, die ich ihr gemacht habe, welche Blumen regional im Herbst blühen. Bei dem Gedanken heben sich meine Mundwinkel.
Zwei ältere Damen sitzen sich an einem der kleineren Tische gegenüber, vertieft in ein Gespräch. Außerdem befindet sich ein junges Pärchen, das regelmäßig herkommt, an seinem Stammplatz am Fenster. Ich lächle ihnen zu.
Die übrigen Stühle sind noch leer, was zu der Uhrzeit üblich ist. Der größte Ansturm kommt erst, wenn alle ihr Nachmittagstief mit Koffein kompensieren wollen.
»Hallo«, begrüße ich meinen Dad, der hinter der Theke steht und Sandwiches vorbereitet. Der Boden aus dunklem Holz knarzt leicht unter den Sohlen meiner Boots, als ich neben ihn trete.
»Idalia, gut, dass du da bist.« Er sieht von den Broten auf und rückt seine Brille mit dem kleinen Finger zurecht. An den anderen Fingern hat er etwas kleben, was nach Hummus aussieht. »Wir brauchen noch zwei Kuchen für später. Entscheide du, welche.«
»Geht klar.« Ich lächle ihm zu, schnappe mir die geblümte Schürze vom Haken an der Wand und verschwinde in der Küche.
Strenggenommen ist Mom allein für die Kuchen verantwortlich. Sie sind ihr heilig und sie verlässt das Haus nie ohne ihr handgeschriebenes Rezeptbuch. Ich bin dahingegen für das restliche Gebäck zuständig. Dad hat sich falsch ausgedrückt.
Mein Talent liegt aber weniger im Gespür für ausgefallene Kreationen, sondern eher darin, gute Pinterest-Rezepte von schlechten zu unterscheiden, welche ich dann penibel genau befolge.
Eine halbe Stunde später stehen ein Blech mit Nougat-Brownies und ein Dutzend Red-Velvet-Cupcakes im Ofen, die nachher noch ein Frosting bekommen werden.
Das Backen hat geholfen, meine Gedanken in den Hintergrund zu drängen. Es wirkt auf mich so meditativ wie eine Runde Yoga auf andere.
Ich ziehe die Schürze aus und gehe zurück in den Gastraum. Dad hat die Theke mittlerweile mit Sandwiches, Bagels, Donuts und Pralinen befüllt, die allesamt köstlich aussehen und darauf warten, bestellt zu werden. Das, was abends übrigbleibt, wandert meist auf direktem Wege in meinen Kühlschrank zu Hause, wodurch mir die Arbeit hier umso besser gefällt.
Nachdem ich sichergestellt habe, dass bei den Leuten an den zwei besetzten Tischen alles passt, gebe ich meine eigene Bestellung ins System ein. Koffein ist die letzte und effektivste Waffe im Kampf gegen die Müdigkeit, die mir tief in den Knochen sitzt. Ich stelle eine Tasse unter die Espressomaschine, die das Herzstück des Cafés bildet und mein Lebenselixier mit einem sanften Rauschen produziert. Für den Cappuccino schäume ich Milch auf und übe Latte-Art-Kunst, doch das Milchschaum-Herz wird wieder ungleichmäßig. Eine Hälfte davon schief und größer als die andere.
»Dali!«, ruft eine Stimme, die mir vertrauter ist als meine eigene, und ich wirble herum.
Solia spaziert herein. Ihre wilden hellbraunen Locken umrahmen ihr Gesicht. Ausnahmsweise hat sie sie offengelassen. Das weiße Oberteil mit tiefem Ausschnitt und die dunkelblaue Hose lassen sie aussehen wie eine Matrosin auf einem Kreuzfahrtschiff, auf dem jeden Abend Partys geschmissen werden.
»Ich bin stolz auf dich, weil du es geschafft hast, dein Bett zu verlassen.«
Ich komme hinter der Theke hervor und grinse, als Solia mich in eine Umarmung zieht. Erst da bemerke ich, wen sie mitgebracht hat: Louis, den Grund dafür, dass sich mein Freundeskreis von einer Person auf zwei erweitert hat, als er das Herz meiner besten Freundin vor einem Jahr gestohlen hat und seitdem hütet wie in einer Bilderbuchliebesgeschichte. Er hebt eine Hand zur Begrüßung und zeigt mir sein Sonnyboy-Lächeln. Zu meiner Erleichterung kommt er diesmal nicht direkt aus dem Fitnessstudio. Zumindest sieht er weder verschwitzt aus, noch riecht er danach. Oder er war bloß so gnädig, sich frische Kleidung anzuziehen.
Elijah, der zu Louis gehört wie Solia zu mir, konnte es sich auch heute nicht nehmen lassen mitzukommen und nickt mir knapp zu.
»Hi, ihr drei«, sage ich. »Tisch Nummer sechs ist für euch reserviert. Die übliche Bestellung?«
»Ja, das Übliche. Aber heute bitte mit drei Zuckerpäckchen statt zwei«, wünscht sich Solia.
»Bei uns auch so wie immer«, bestätigt Louis.
Die drei setzen sich an unseren Stammtisch, der in der Ecke des Raumes steht und Aussicht nach draußen auf die belebte Straße bietet.
Ich bereite die Bestellung vor. Einen Latte Macchiato für Solia mit drei Päckchen Zucker, dazu ein Glas mit extra sprudeligem Wasser. Ein Früchtetee mit Honig für Louis, der mir schon oft Anlass dafür gab, ihn damit aufzuziehen, dass er selbst genauso sanft ist wie sein Lieblingsgetränk. Elijah bekommt eine Cola mit Zitrone und Eis. Ich stelle alles inklusive meines Cappuccinos auf ein Tablett und lege ein paar Pralinen dazu. Da bisher kaum Kundschaft im Café ist, kommt Dad sicher allein klar, während ich mich zu meinen Freunden geselle.
»Endlich!«, stößt Solia aus, als ich die Bestellungen verteile.
Sie macht sich sofort daran, ein Zuckertütchen nach dem anderen in den Kaffee zu kippen.
Ich setze mich neben sie und rümpfe die Nase. »Ich bin immer noch davon überzeugt, dass deine Geschmacksknospen tot sind. Sie verdienen ihre letzte Ruhe, aber nicht mal die kannst du ihnen lassen.«
Solia sieht mich anklagend an. »Nur weil du deinen Supergeschmack hast.«
Ich verdrehe die Augen, muss aber grinsen, weil ihr Neid so deutlich hörbar ist.
Wir Engel nehmen alles intensiver wahr als Menschen. Geschmack, Gerüche, Geräusche. Gefühle, sowohl die positiven als auch die negativen. Solia hat mich schon immer für diese Fähigkeit beneidet. Dabei bedeutet es, dass das Leben manchmal mit so einer Wucht auf mich einstürzt, dass ich es kaum ertragen kann.
»Das ist deine Ausrede für alles«, meint Elijah. »Du kannst deiner Spezies echt mal mehr zutrauen. So unfähig seid ihr gar nicht.«
Solia schnaubt. »Was hat das mit Geschmacksknospen zu tun?«
Louis und ich tauschen einen Blick. Wir haben den gleichen Gedanken.
»Du musst nur daran glauben«, stoßen wir unisono aus und lachen.
Wenn Blicke töten könnten, würde Solia jetzt einen Doppelmord begehen. Wir nutzen jede Gelegenheit, um sie mit dem Satz aufzuziehen, mit dem sie uns wochenlang in den Ohren lag.
Du musst nur daran glauben, dass es funktioniert. Du musst nur daran glauben, dass alles gut wird. Egal was, du musst nur daran glauben!
Grundsätzlich ein schöner Gedanke, aber Solia hat ihn so weit missbraucht, dass sie eine Prüfung in der Hochschule verhauen hat, weil sie zwar an sich geglaubt, aber kein bisschen gelernt hat. Und es wird einfach nicht langweilig, sie daran zu erinnern.
»Hier hat wohl jemand einen Clown gefrühstückt«, erwidert sie sarkastisch.
»Mal ganz nebenbei«, meint Elijah und beugt sich mit zusammengezogenen Brauen nach vorn. »Das macht gar keinen Sinn.«
»Was?«, fragt Solia.
»Zu sagen, Idalia bräuchte wegen ihrer Engelskräfte keinen Zucker im Kaffee. Wir schmecken alles intensiver, Sol. Kaffee schmeckt von Natur aus bitter und nicht süß.«
Ausnahmsweise gefällt mir Elijahs Besserwisserei. Als Solia zu mir sieht, presse ich die Lippen aufeinander und nicke langsam.
Jetzt ist sie diejenige, die die Nase rümpft. »Noch bitterer? Uäh! Wie kannst du das bitte trinken?«
Ich zucke mit den Schultern. »Vielleicht lag ich falsch und ich habe selbst tote Geschmacksknospen. Wer weiß?«
»Ja, das glaube ich auch.«
Wie zur Demonstration nimmt Solia einen genüsslichen Schluck von ihrem gezuckerten Latte Macchiato und verzieht zufrieden das Gesicht.
»Also ich finde das Zeug weder mit noch ohne Zucker trinkbar«, meint Louis, der eingeschworene Kaffee-Hasser.
»Babe, ich muss dich leider enttäuschen«, sagt Solia und legt ihre Hand auf seine. »Aber das versteht hier wirklich niemand.«
Elijah und ich pflichten ihr bei.
»Ja und, was wisst ihr schon?«
Sol drückt Louis lachend einen Kuss auf die Wange. Dann wendet sie sich mir zu. »Jetzt kommen wir aber zu etwas anderem.«
Ich halte meine Tasse vors Gesicht und verstecke mich dahinter. Meine beste Freundin nimmt sie mir aus der Hand und stellt sie am anderen Ende des Tisches ab. Ehe ich protestieren kann, spricht sie weiter.
»Elijah will dich etwas fragen und ich glaube, er würde nie dazu kommen, wenn ich das Thema nicht eröffne.« Sie schaut erwartungsvoll zwischen ihm und mir hin und her.
Sofort vergeht mir das Lachen und wird durch ein mulmiges Gefühl ersetzt, das sich verstärkt, als Elijah mit seinen blassgrünen Augen zu mir sieht.
»Ja, richtig«, stimmt er zu und fährt sich mit der flachen Hand über die Stoppeln seiner kurzgeschorenen Haare.
Mein Fluchtinstinkt, der deutlich ausgeprägter ist, seitdem ich ihn kenne, schrillt los. Ich grabe die Finger in das Holz meines Stuhls, doch ich zwinge mich, sitzenzubleiben und ihm zuzuhören. Das bin ich ihm schuldig, allein schon aus Respekt.
»Ich bin auf die Hochzeit meiner Cousine eingeladen. Sie und ihr Verlobter sind beide Engel, es wird also eine himmlische Zeremonie werden. Und ich möchte wissen, ob …«
Die Worte spuken in meinem Kopf herum, ehe er sie ausspricht. Mir verrutschen die Gesichtszüge. Elijah kann kaum etwas aus dem Konzept bringen, aber ich sehe vermutlich so aus, als hätte er mich gefragt, ob ich seine Toilette schrubben will. Als mir das bewusst wird, schießt Hitze in meine Wangen und ich beiße mir auf die Zunge. Gleichzeitig stößt Louis seinem besten Freund gegen die Schulter. Elijah räuspert sich.
Ich kann mir kaum vorstellen, wie die Situation noch unangenehmer werden könnte.
»Ich wollte fragen, ob du mich begleiten möchtest«, beendet er den Satz.
»Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass ich da die beste Wahl bin«, erwidere ich und habe größte Mühe, den Blickkontakt nicht zu unterbrechen.
»Äh, doch, sicher.« Wieder streicht er sich über die Haare und lässt die Hand dann im Nacken ruhen. »Das wird ein netter Abend. Tut dir bestimmt gut.«
Auch wenn der rationale Teil in mir weiß, dass er es nicht so meint, fasse ich es als persönlichen Angriff auf. Tut dir bestimmt gut, meine Gesellschaft. Tut dir bestimmt gut, mal rauszukommen. Andere Engel zu treffen.
»Das glaube ich nicht.«
Mein Ton klingt härter als beabsichtigt und ich bereue ihn, als Solia meinen Namen zischt. Sie hat gehofft, dass ich die Einladung annehme, aber ich bin es leid.
Ich bin diese ewigen Verkupplungsversuche leid. Und ich bin es leid, darauf zu hoffen, dass mein Herz jemals wieder aus dem Loch hervorkriecht, in dem es sich verschanzt hat. Vor allem wird Elijah ganz sicher nicht derjenige sein, der einen Teil dazu beitragen kann.
Es ist förmlich greifbar, wie die Stimmung zwischen uns kippt.
»Hör auf damit, Elijah. Hör damit auf, es bei mir zu versuchen. Tut mir leid, aber das wird nichts. Wir wissen doch beide, dass du mich nicht wirklich näher kennenlernen willst, und das ist auch besser so.«
Vielleicht ist es der Fluch des heutigen Tages, der mir die Worte in den Mund gelegt hat. Vielleicht ist es aber auch das, was ich schon längst hätte sagen sollen.
Gleichzeitig spüre ich, wie meine Maske wackelt. Sie bekommt Risse. Etwas brodelt in meiner Brust und wird mit jedem Augenblick stärker. Es ist eine Welle an Emotionen, die mich überschwemmen wird, wenn ich nicht rechtzeitig fliehe.
Ruckartig stehe ich auf. Der Stuhl knarzt. Solia zuckt neben mir zusammen, doch ich will nur noch verschwinden. Weg von den verurteilenden Blicken, die wissen, dass ich es nicht auf die Reihe bekomme. Weg aus dieser beschissenen Welt, in der ich mich so unendlich verloren fühle. Selbst nach den drei Jahren bin ich so kaputt wie an Tag eins. Die Zeit hat mir nicht den kleinsten Funken Heilung verschafft.
Es ist Elijahs Stimme, die mich innehalten lässt.
»Es war nur eine simple Frage«, presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Du musst nicht immer gleich die Dramaqueen spielen.«
Auf einen Schlag vergesse ich, wer Elijah heute ist. Ich sehe nur noch denjenigen vor mir, den ich meine gesamte Kindheit über bis aufs Blut nicht ausstehen konnte.
»Ich kann nicht anders«, fauche ich. »Ich habe doch meine Seele an Dämonen verkauft, schon vergessen?«
Solia zieht scharf die Luft ein. Das Geräusch zupft an etwas in meiner Brust. Doch ich spüre vor allem Genugtuung über den Schreck in Elijahs Gesicht, als er sich daran erinnert, womit er mich – uns – früher beschimpft hat.
Verräterin.
Schattenhure.
Abschaum.
»Ihr solltet euch beide in die Unterwelt verziehen. Hier gehört ihr nicht hin!«
Seine Stimme klingt mir heute wie damals in den Ohren. Vielleicht hat er sich verändert und anfangen, mich zu mögen, seitdem wir erwachsen geworden sind und er mich näher kennengelernt hat, aber ich bin immer noch dieselbe.
Ich schiebe meinen Stuhl an den Tisch und gehe geradewegs in die Küche und dort durch den Hinterausgang nach draußen in den Innenhof, wo Mülltonnen und Glascontainer stehen. Die kalte Luft legt sich über meine erhitzte Haut und zwingt meine Gedanken dazu aufzuklaren. Ich schließe die Tür, lasse mich gegen die Hauswand auf den Boden sinken und ziehe die Beine an.
Mir entfährt ein Fluch. Frust strömt wie Blei durch meine Adern und macht mir das Atmen schwer.
Wieder habe ich allen den Tag versaut, nur weil ich immer noch nicht klarkomme und nicht einfach normal sein kann. Was ist überhaupt mein Problem? Es ist doch wahr, dass es mir nicht schaden würde, auf die Hochzeit zu gehen, das muss ich mir eingestehen.
Es könnte so simpel sein. Solia und Louis, Elijah und ich. Wir könnten auf Doppeldates gehen und vermutlich viel Spaß haben. Elijah ist auch ein Engel, doch ich glaube, das ist unsere einzige Gemeinsamkeit, obwohl ich ihn schon kenne, seitdem ich denken kann. Doch so sehr ich Elijah damals auch gehasst habe, jetzt ist er okay. Wirklich. Er ist witzig, hilfsbereit und unkompliziert.
Aber verdammt, er ist nun mal nicht … Fuck.
Wie könnte ich mit jemandem zusammen sein, der nicht weiß, wie es in mir aussieht? Jemand, der es nie verstehen, geschweige denn ertragen könnte?
Solia ist und bleibt die Einzige, die eine Ahnung davon hat.
Außerdem sind die schweren Eisenketten an meinem Herzen dazu da, dass nie wieder jemand hineingelangen kann. Nie. Wieder.
Eigentlich sollte ich erfüllt sein von purem Licht, doch da ist so viel Dunkelheit.
Die Tür neben mir öffnet sich und ich spüre, wer es ist, noch bevor ich aufsehe. Solia nimmt schweigend neben mir Platz. So sitzen wir eine Weile, bis ich zuerst das Wort ergreife: »Ich weiß, dass ich ihm eine Chance geben sollte, aber … Es ist doch offensichtlich, wie das enden würde. Im schlimmsten Fall meint er es zu ernst mit mir, sodass ich ihn früher oder später verletzen würde und es dann auf ewig komisch zwischen uns wäre. Also noch komischer als ohnehin schon.«
»Es ist okay, Idalia«, erwidert sie schwermütig.
Ich zucke zusammen, als sie mich mit meinem ganzen Namen anspricht anstatt mit Dali.
»Du hast recht, es hat keinen Sinn. Das wird Elijah auch verstehen. Ich hatte nur gehofft, dass er dich vielleicht … Dass du endlich …« Sie seufzt. »Er könnte gut für dich sein, verstehst du?«
»Ich weiß nicht mehr, was gut für mich ist«, gebe ich zu.
Solias Gesichtsausdruck verdunkelt sich. Sie schweigt lange und auch ich sage nichts.
»Es ist heute, nicht wahr? Der Tag, an dem ihr euch zum ersten Mal begegnet seid?«, flüstert sie.
Ich nicke. »Zehnjähriges Jubiläum.« Ein hartes, armseliges Lachen verlässt meine Kehle. »Sind drei Jahre nicht genug, um damit abzuschließen? Ich wüsste gerne, wie lange der Scheiß noch dauern soll.«
Ich betrachte den tätowierten Flügel auf meinem Handgelenk und streiche mit einem Finger darüber. Es ist einer zu wenig, um fliegen zu können. Das Gegenstück ist unendlich weit entfernt.
»Drei Jahre sind im Vergleich zur Ewigkeit ein Wimpernschlag. Höchstens.«
»Das ist leider wahr.«
Sie erhebt sich und streckt mir eine Hand entgegen. »Ich habe vorhin so viel Zucker konsumiert, dass es ausreichen könnte, um dir den Tag zu versüßen. Darf ich?«
Sie schenkt mir ein breites Grinsen und zeigt die tiefen Grübchen in ihren rosigen Wangen, sodass ich gar nicht anders kann, als es zu erwidern. Ich lasse mich hochziehen und versuche, der Illusion zu glauben, dass sie es tatsächlich schaffen könnte, mich aufzuheitern.
Obwohl ich ihr Schutzengel bin, scheint Solia mich viel öfter zu beschützen. Meistens vor mir selbst.
***
Ich spüre den vergangenen Tag in jeder Faser meines Körpers.
Das Gespräch mit Solia im Kopf, den nachmittäglichen Ansturm auf das Café in den Fußsohlen und Beinen. Und die Erinnerung an den Tag, der heute Jubiläum feiert, im erfrorenen Muskel, der in meiner Brust sitzt.
Ob mich mein Bett auch so sehr vermisst wie umgekehrt?
Zumindest steht fest, dass ich es bis zum Beginn der nächsten Schicht morgen Mittag nicht wieder verlassen werde.
Diesmal drängt sich nichts und niemand zwischen mich und meinen geliebten Schlaf.
Bing ertönt es aus meinem Handy und ich sehe nichtsahnend auf das Display.
Eilmeldung: Vergangene Nacht wurde das Tor …
Ich halte inne, bleibe in den spätabendlichen Schatten kurz vor meiner Haustür stehen und klicke die Meldung an, um sie ganz lesen zu können.
Mein Blick fliegt im Rekordtempo über die Zeilen und saugt jedes Wort auf. Mein Herz hat aufgehört zu schlagen und auf einmal ist alles, was heute war und was noch werden sollte, vergessen.
Vergangene Nacht wurde das Tor zur Unterwelt geöffnet. Zum ersten Mal seit einem Jahrhundert!
Die Wächter können sich jedoch an nichts erinnern, da sie in einen Schlaf versetzt wurden, der den halben Tag andauerte. Wie es dazu kommen konnte, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, ist noch nicht bekannt.
Wer oder was hat sich Zugang zu unserer Welt verschafft und das Tor dann offen stehenlassen?
Die hochrangigen Engel haben die Suche bereits begonnen, bisher jedoch ohne Erfolg.
Meine Sicht verschwimmt, mein Atem geht stoßweise und die Gedanken rasen in Lichtgeschwindigkeit durch meinen Kopf.
Nur dunkle Halbengel können das Tor passieren. Es gibt aber keine, außer … Oder doch? Wurde ein Neuer geboren?
Mir wird schwindelig, doch ich verstehe nicht, wieso. Es steht noch nichts fest, rede ich mir ein. Es ist bloß ein Hirngespinst von mir. Nur …
Ich erstarre. Habe keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Die uralte himmlische Kraft drängt sich von meinem Inneren an die Oberfläche. Heißes Licht schießt durch meine Adern, lässt mich leuchten wie einen Scheinwerfer. Es dringt zu meinen Augen, sodass die Welt verschwindet und ich nur noch Weiß sehen kann.
Etwas in mir verbrennt und zerfällt zu Asche. Etwas, was ich in mir spüren kann, gleichzeitig aber auch nicht zu mir gehört.
Die Verbindung zum Anführer. Sie zerbricht.
Ich will danach greifen, sie aufhalten, doch ich kann nichts tun. Es fühlt sich an, als würde etwas in meiner Brust mit einer grausamen Brutalität zerrissen werden.
Was zum heiligen Sünder ist da los? Wie …
Er stirbt. Camael, ein Nachfolger des heiligen Seraphiels und der derzeit mächtigste Engel, stirbt. Und ich spüre es in jeder meiner gottverdammten Zellen.
Es reißt und zieht und brennt. Ist so leer in mir und voll zugleich. So falsch, wie es nur sein kann.
Ich öffne den Mund und schreie, ohne es zu wollen. Mein Körper handelt ohne mein Zutun. Ich kann nicht einmal ausmachen, ob ein Ton meine Kehle verlässt oder in mir zu Staub zerfällt.
Da ist nur Stille. Der Straßenlärm um mich herum ist verstummt. Das Blut, das in meinen Ohren rauschen muss wie ein Wasserfall, bleibt mir verborgen. Ich schreie weiter, presse die Stimme aus mir heraus.
Das soll aufhören. Es ist zu viel. Ich bin gefangen in meinem Körper und es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.
Er stirbt.
Auf einmal verebbt der Schmerz. Das Leben, das ihn angetrieben hat, ist verschwunden.
Schwer keuchend sacke ich auf die Knie und merke wie durch einen Nebel, der meinen Verstand verschleiert, dass ich am ganzen Körper zittere.
Die Leere breitet sich weiter aus. Fühlt es sich so an, zu sterben? Hat Camael sich so gefühlt, als er starb? Oder bin gar ich diejenige …?
Plötzlich lodert etwas in meiner Mitte auf. Eine winzige Flamme, warm und mächtig. Sie füllt mich aus, hüllt mich in einen trügenden Schein. Das Weiß vor meinen Augen vermischt sich mit einem goldenen Schimmer. Es dauert einen Moment, bis ich verstehe, doch begreifen kann ich es noch lange nicht.
Diese Kraft, das ist ein anderer Engel. Jemand hat die Verbindung zu Camael getrennt und eine neue erschaffen. Mir wird heiß und kalt zugleich.
Mit jedem weiteren Zentimeter, den diese Kraft von mir einnimmt, kommt sie mir weniger fremd vor. Wie eine Erinnerung, die tief in mir verborgen lag und sich nur langsam zu meinem Bewusstsein kämpfen kann.
Die Stille in meinen Gedanken wird von einer Stimme ersetzt.
Camael ist tot, hallt sie durch meinen Kopf und bestätigt es.
Sie klingt anders als früher. Tiefer, männlicher, und doch erkenne ich sie sofort.
Ich will mir den verfluchten Gehörsinn aus dem Körper reißen, nur damit dieser Klang erstirbt. Wie eine Bombe zerstört er alle Mauern, die ich in mir errichtet habe, auf einen Schlag. Als hätte ich nicht Jahre dafür gebraucht.
Die Engel haben jetzt einen neuen Anführer. Nennt mich Law. Ich bin das Gesetz, das ihr von nun an befolgen werdet.
Die Verbindung zerreißt so plötzlich, als hätte sie jemand mit einem Messer durchtrennt. Das Licht in mir zieht sich zurück und die unsichtbare Kraft, die meine Gliedmaßen starr hielt, lässt von mir ab. Ich verliere die gesamte Körperspannung auf einmal und es brennt, als meine Handflächen gegen den Asphalt prallen. Doch alles, was ich wahrnehme, ist mein Herz, das sich anfühlt wie eine zerberstende Feuerkugel.
Mein schlimmster Albtraum aus der verfluchten Unterwelt ist zurückgekehrt.
Er ist zurückgekehrt.
Zion.
Coming back
Zion
Die Macht vibriert in meinen Zellen und wird ein Teil von mir. Meine Dunkelheit wird von so viel Licht geflutet, als würde ich den gesamten verfluchten Sternenhimmel in mich aufsaugen. Die Engel, sie sind die Sterne. Und sie sind jetzt mein.
Der Plan hat funktioniert, Vater. Ich habe es geschafft.
Keine Ahnung, ob er mich hören kann. Er hat mir nie erklärt, wie es möglich ist, dass seine Verbindung zu mir bis hier, in die Welt der Menschen, reicht, aber eben auch nicht immer. Am liebsten würde ich das Blut, das um meine Schuhe herum fließt und mit dem Regen vermischt in den Abfluss sickert, in ein Glasfläschchen füllen und ihm von einem Boten bringen lassen, um ihm den endgültigen Beweis zu liefern, dass ich es geschafft habe. Doch es wird nicht lange dauern, bis die Informationen von selbst über die Grenzen der Welten hinausgelangen. Dann wird Vater der Erste sein, der es mitbekommt. Darauf kann ich warten.
Ich ziehe die kühle Nachtluft tief in meine Lunge. Fast hatte ich vergessen, wie sie sich anfühlt und wie sie schmeckt. Frisch, unverbraucht und voller Leben. Eine angenehme Abwechslung zum modrigen Geruch von Finsternis und endlosem Sterben.
Die Engelshauptstadt Umbrane Heaven, das Herzstück der himmlischen Kraft in der Menschenwelt, ist ein Meer aus bunten Lichtern, die die Nacht erhellen, genauso, wie ich es in Erinnerung hatte. Die Stadt liegt mir zu Füßen, ihrem neuen Anführer.
Tausende Engel sind nun an mich gebunden und es war so verflucht einfach. Eigentlich zu gut, um wahr zu sein. Aber sie hatten gar keine Chance, etwas dagegen zu tun. Es ist hunderte Jahre her, dass es zuletzt jemand gewagt hat, den Anführer der Engel anzugreifen. Wie hätte er es also ahnen können? Camaels Unvorsichtigkeit, der Glaube an seine Unantastbarkeit, hat ihn das Leben gekostet.
Der Regen wird stärker, spült alle Spuren des Kampfes von mir ab und zieht an einer Erinnerung, die tief in mir verborgen liegt. Vor allem der Geruch könnte etwas in mir wecken, wenn ich es zulassen würde. Doch das stammt aus einer längst vergessenen und vergangenen Zeit. Und dort soll es bleiben.
Ich sollte lieber darüber nachdenken, was ich mit Camaels Körper anstelle. Ihn einfach liegenlassen? Irgendwie stillos. Mitnehmen? Aber wohin? Oder ihn doch hier und jetzt verbrennen? Ich stoße ein genervtes Seufzen aus und betrachte ihn zunächst genauer.
Ein fremder Anblick. Ich habe noch nie einen Engel des Lichts sterben sehen, sonst waren es nur Kreaturen der Dunkelheit, die mir Vater zum Trainieren stellte.
Sein Körper liegt in einer unnatürlichen, verrenkten Position in einer Pfütze. Dort, wo zuvor seine riesigen Flügel waren, sind unzählige weiße Federn über den Boden verteilt. Sonst ist nichts von ihnen übriggeblieben. Die leeren ergrauten Augen sind weit aufgerissen und in den Himmel gerichtet. Sie sind nicht mehr golden, denn diese Farbe haben nun meine Augen angenommen.
Ich bin nicht sicher, was ich dabei empfand, ihn zu töten. Das Gefühl war kalt und roh, ist es immer noch. Doch die Intensität war nichts im Vergleich dazu, mir sein Blut zu injizieren und dem, was danach folgte. Das Blut hat sich zuerst wie Gift in meinen Adern angefühlt. Ich befürchtete schon, dass mein Körper es nicht annehmen würde. Und dennoch hat es funktioniert.
So verflucht einfach.
Meine eigenen tiefschwarzen Flügel haben lediglich einen kleinen Schnitt abbekommen. Ich öffne sie zu ihrer vollen Größe und überprüfe, ob mich die brennende Wunde beim Fliegen behindern könnte. Camael hat sich mit einer Wolkensteinklinge verteidigt, der Kampf war jedoch zu schnell vorüber, als dass er mehr Schaden hätte anrichten können.
Wie lange hat es gedauert, bis ich gelernt habe, im Regen zu fliegen? Ich kann mich erinnern, dass es mir wie eine Ewigkeit vorkam. Und dass dabei einige Gefühle eine Rolle spielten, die mir heute fremd sind. Mittlerweile kann mich keine Laune des Himmels mehr aufhalten.
Ich beschließe, die Drecksarbeit hier von jemand anderem übernehmen zu lassen, und schlage mit den Flügeln. Die Jungs werden sich darüber freuen, mir helfen zu können. Ich will mir die Stadt ansehen, den Wind und die frische Luft spüren. Die Unendlichkeit, die sich hier oben wie Freiheit und dort unten wie Grausamkeit anfühlt.
Offenbaren werde ich mich erst morgen, wenn es wieder hell ist. Bis dahin dürfte mich niemand bemerken, solange ich den Schutz der vertrauten nächtlichen Dunkelheit nutze.
Ob diese menschenverseuchte Welt ahnt, was ihr bevorsteht? Haben sie auch nur den Hauch einer Vermutung?
Der strömende Regen, für den meine bloße Anwesenheit verantwortlich ist, dringt mir bis an die Knochen. Ich fliege über die Dächer der Hochhäuser hinweg und habe kein Ziel, kenne aber trotzdem den Weg.
In der Ferne liegt etwas, was mich zu sich zieht. Etwas, was ich sehen muss. Das Gefühl, das mich dort hintreibt, scheint wie ein Instinkt zu sein.
Über einer breiten Gasse halte ich inne. Keine einzige Seele treibt sich auf den Straßen herum. Sie haben sich alle in den vermeintlichen Schutz ihrer vier Wände zurückgezogen. Eines der vielen Fenster, das zu einem der niedrigeren Häuser mit Schrägdach gehört, erregt meine Aufmerksamkeit. Ich senke mich ein wenig ab, um hineinsehen zu können, bleibe aber in sicherem Abstand und von den Schatten verborgen. Immer wieder muss ich mir die tropfenden Haarsträhnen aus der Stirn streichen und die Augen zusammenkneifen, um trotz des Regens etwas zu erkennen.
Hinter dem Fenster sitzt ein Mädchen, eine junge Frau, und hält ihren Blick auf einen Gegenstand in ihrer Hand gerichtet. Ein Feuerzeug, stelle ich fest, als sie es entflammt, um es kurz darauf wieder zu erlöschen. Sie macht es an und aus. Immer wieder, dabei starrt sie gebannt auf das Feuer.
Im Zimmer brennt keine Lampe, aber als sie den Kopf ein wenig neigt, fällt genug Licht von draußen auf ihr Gesicht, sodass ich es erkennen kann.
Mir entfährt ein überraschtes Schnauben. Auf einmal erscheint es mir offensichtlich und unbegreiflich zugleich, warum ich ausgerechnet hier gelandet bin.
Hier, an Idalias Fenster. Sie war einst mein Stern, der die Nacht erhellte. Sie ist diese Erinnerung, die in meinen Tiefen begraben liegt. Ihr Anblick versucht, mich dazu zu zwingen, mich zu erinnern. Für den Bruchteil einer Sekunde wehre ich mich nicht dagegen, sodass die Bilder alle auf einen Schlag nach oben strömen, doch sie prallen gegen eine Wand. Eine Mauer, die sie davon abhalten, vollkommen in mein Bewusstsein zu gelangen.
Nein, es sind nicht die Bilder, die zurückgehalten werden, sondern die Gefühle, die sie einst in mir auslösten. Ich kann mich daran erinnern, wie Idalia als junges Mädchen ausgesehen hat. Wie viele Sommersprossen sie auf der Nase hatte und wie sie ihre Haare zu Zöpfen geflochten trug. Doch es bedeutet nichts, scheint unendlich weit entfernt zu sein und lässt mich kalt.
Warum bin ich bloß hierhergekommen?
Auf einmal umschließt Idalia das Feuerzeug fest mit ihrer Faust, um es dann schwungvoll von sich wegzuschleudern. Es würde mich nicht wundern, wenn es an der Wand wie eine Minibombe zerplatzen würde.
Das Temperament ist ihr also geblieben, huscht es durch meine Gedanken.
Sie legt die Arme um die angezogenen Knie und sieht nach draußen, hoch in den Himmel. Noch ein wenig höher und sie könnte mich entdecken. Würde sie mich trotz der Schatten erkennen?
Ich drehe um, bevor es so weit kommen kann, und es fühlt sich an wie ein Neubeginn. Als wäre das der letzte Schritt gewesen, der nötig war, um die neue Ära einzuläuten.
Meine Ära, auf die Vater und all die anderen, die dazu verdammt sind, dort unten zu verrotten, schon so lange warten mussten.
Und der letzte Schritt zu dem Leben, das nie wieder so sein wird, wie es einmal war.




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